Bahamas - Azoren - Galizien
Die GEDULDSPROBE
Ende März ist unser drittes Crewmitglied Kai für die Atlantiküberquerung im Anflug. Sobald er an Bord ist, beginnen die letzten Vorbereitungen für unsere Überquerung und wir wollen so schnell es geht Richtung Europa ablegen. Bevor wir uns auf den Weg zum Flughafen machen, darf Claudius auf Tauchkurs gehen und wir befreien unseren Anker aus einer Kette am Meeresboden. Außerdem kentert unser Dinghy in hohen Wellen und wir verlieren unsere Paddel. Unser Verhältnis zu Beibooten wird wohl für immer spannend bleiben und wir fragen uns nur kopfschüttelnd, warum man Paddel für ein Dinghy konstruiert, die nicht schwimmfähig sind.
Am nächsten Tag können wir Kai einsammeln und beginnen mit den Vorbereitungen für unsere Überfahrt. Wir haben ein neues Sammelsurium an Ersatzteilen erhalten und unsere To Do Liste ist standesgemäß seitenlang. Den halben Tag hängen wir kopfüber im Motorraum über unserer Lichtmaschine, bringen Licht in das Dunkel unserer Motorverkabelung und ziehen nebenbei die Schellen an einem leckenden Kühlwasserschlauch wieder fest. Testen können wir die neue Verkabelung direkt am darauffolgenden Tag als wir durch einen engen Cut navigieren und wie in einer Waschmaschine umhergeworfen werden. Der Motor liefert eine Glanzleistung ab und wir segeln entspannt hoch am Wind Richtung Eleuthera.
Die Insel ist authentisch und wild, weniger kommerziell. Während wir auf ein gutes Wetterfenster warten, werden neue Navigationslichter am Bug montiert, die Pantry überfahrttauglich gemacht und nochmal die Segel auf Schäden geprüft. Die Zeit des Wartens verschönern wir uns mit einem Osterfest gemeinsam mit Irene und Martijn und gehen im Märchenwald auf Eleuthera wandern.
Rock Sound Eleuthera, Bahamas
Täglich öffnen wir als erstes am Morgen den neusten Wetterbericht und schauen uns die Großwetterlage an. Bisher jeden Tag ernüchternd, der Wind kommt immer noch aus der falschen Richtung und die nördlich verlaufenden Tiefdruckgebiete bringen unangenehmen Schwell weit in den Süden bis vor die Bahamas. Also abwarten. Wir üben auf dem Weg in die Bucht von Governors Harbor zu Dritt ein paar Manöver und treffen die nächsten Vorbereitungen: Proviantieren, Rumpf säubern und nochmal Wäsche waschen.
Die Hatchet Bay soll ein kurzer, unaufgeregter Stopp auf dem Weg nach Spanish Wells werden. Wir liegen neben unseren Freunden der Kia Ora vor Anker, als uns nachts ein heftiger Squall weckt. Böen mit 40 Knoten rauschen gepaart mit Starkregen über uns hinweg. Der Anker von Kia Ora hält nicht und sie müssen in aller Dunkelheit in der engen Bucht manövrieren. Wir würden gerne helfen aber man ist machtlos der Natur ausgesetzt. Eine eindrucksvolle Erinnerung, dass uns solche Wetterphänomene auch mitten auf dem Atlantik blühen könnten. Da muss zwar keiner Ankern aber wer bei so viel plötzlichem Wind viel Segelfläche draußen hat, wird wenig Spaß haben. Wir machen Ankerwache bis der Squall über uns hinweggezogen ist und staunen nicht schlecht, als wir am nächsten Morgen den unerwarteten Süßwasservorrat in unserem Dinghy vorfinden.
Hatchet Bay Eleuthera, Bahamas
Unser nächstes Ziel ist der Nordzipfel von Eleuthera, die Bucht von Spanish Wells. Es gibt gute Versorgungsmöglichkeiten und von dort könnte man gut den Absprung nach Europa wagen. Wir starten die nächste Runde Proviantieren, schrauben nochmal schnell am tropfenden Wassermacher und waschen zum x-ten Mal die „letzte“ Wäsche. Das Warten erscheint zwar weniger stressig, aber wir haben auch genug Zeit zu realisieren, was auf uns zukommt: Das Ende unseres Sabbaticals, die Überquerung eines Ozeans und wer weiß welche Herausforderungen uns auf offener See begegnen.
Nach zwei Wochen ist immer noch kein Wetterfenster in Sicht. Bei so einer Reise können wir nur die ersten 3 bis 4 Tage beeinflussen, danach muss man das Wetter nehmen wie es kommt. Kommt der Wind gegenan, ist es für die Crew nicht nur anstrengender, auch die Strecke ist viel weiter wenn wir kreuzen müssen. Außerdem ist die Belastung auf das Boot und das Material größer, es geht mehr kaputt. Wir tauschen uns viel mit anderen Seglern aus, die dieses Jahr das Gleiche vor haben. Ein Boot legt in einem für uns fraglichen Wetterfenster ab und dreht nach nicht mal 24 Stunden wieder um - unsere persönliche Horrorvorstellung. Wir sind nicht besonders anspruchsvoll, was das Wetter angeht. Alles was wir brauchen ist kein Wind aus Nordost, in die Richtung wollen wir segeln, und kein hoher Schwell, der oft nach heftigen Tiefdruckgebieten seinen Weg weit in den Süden findet. Alles was wir aktuell im Wetterbericht sehen, ist Wind aus Nordost und viel Schwell aus Nord. Also weiter warten. Der Puffer von Kai ist mittlerweile aufgebraucht und seine Urlaubstage sind begrenzt, daher geht er wieder von Bord und wir müssen die Überquerung zu zweit in Angriff nehmen. Wollen wir die Überquerung überhaupt nur zu zweit wagen? Halten wir an unserer bisherigen Route direkt auf die Azoren fest oder planen wir lieber einen Stop in Bermuda? Das Credo ist weiterhin geduldig bleiben und wir sind uns einig: Beim Wetterfenster gehen wir keine Kompromisse ein, so viel haben wir in den letzten 16 Monaten Segeln gelernt. Wenn die ersten 5 Tage gut laufen, ist das auf einer Ozeanüberquerung viel wert.
Spanish Wells Eleuthera, Bahamas
Die nächste Runde Wartung und Vorbereitung steht an und wir stellen unser Rigg mit einem Wantenspanner neu ein. Uns gehen die Ideen aus, was wir am Boot vor der Überfahrt noch alles optimieren und kontrollieren könnten. So langsam kommen wir uns wie ein Rennpferd vor, das im Startblock steht und mit den Hufen scharrt. Wir essen Pizza mit Irene und Martijn und genießen die letzten Tage zusammen. Schon dreimal haben wir uns von den beiden verabschiedet und haben sie doch immer wieder getroffen. Wir möchten gar nicht ohne sie ablegen, aber die beiden wollen den Sprung über den Atlantik erst später im Mai wagen.
Für unser Gemüt beschließen wir einen Szenenwechsel: Ab nach Great Abaco, der nordöstlichsten Inselgruppe der Bahamas. Seit langer Zeit schweben wir auf dem Weg dort hin wieder über die seichten, lang gezogenen Atlantikwellen. Wir hören es ganz deutlich zwischen den blauen Walzen: Europa ruft nach uns! Schielen auf das Wetter ist die Untertreibung des Jahres, wir prüfen alle 6 Stunden in jedem neuen Wetterbericht die Großwetterlage über dem Nordatlantik. Es wird immer besser und wir werden vorsichtig optimistisch, könnte das Mitte nächster Woche etwa so bleiben? Der Wind dreht auf Ost/Südost und Welle ist so gut wie gar keine angesagt.
Great Abaco, Bahamas
N26° 32' 52.54'' W077° 03' 40.29'' - adventure is calling
Wir tasten uns weiter nach Marsh Harbor und dann geht alles auf einmal ganz schnell. Zwei dänische Boote in der Bucht wollen ebenfalls starten und wir tauschen uns nochmal aus. Wäsche waschen (diesmal wirklich die letzte Runde), frisches Obst & Gemüse kaufen und wir schleppen den letzten Diesel an Bord. Abends gönnen wir uns ein letztes Abendessen im Restaurant. Als uns ein Auto auf dem Heimweg freundlicherweise mitnimmt finden wir im Dunkeln den Anlegesteg von unserem Dinghy nicht mehr. Der freundliche Fremde kommentiert das relativ trocken „for ocean sailors you have an interesting sense of orientation“. Wir schmunzeln. Der Heimweg über den Atlantik verläuft im Zweifel immer schön nach Osten und das sollten wir hinbekommen. Unser Plan ist, zwischen dem Azorenhoch, falls es irgendwann mal stabil wird, und der Westwindzone entlang des 30. Breitengrades nach Osten zu segeln. Je nach vorherrschendem Wettersystem weichen wir nach Süden aus oder suchen stärkere Winde weiter nördlich.
Am 23. April heißt es ABFAHRT und wir legen nach unserer wohl längsten Geduldsprobe endlich ab in die blaue Ungewissheit. Der Plan: 6 bis 7 Tage nach Bermuda, dann weitere 14 bis 16 Tage auf die Azoren. Insgesamt rund 2.700 Seemeilen. Heiliger Strohsack ist das weit! Ein letzter Blick an Land und einen Schluck für Neptun, dann legen wir Kurs Nordost an und schaukeln auf den offenen Atlantik hinaus.
Great Abaco, Bahamas
Die eingewöhnung
Am Rande eines Hochdruckgebiets segeln wir entspannt mit Wind aus Südosten. Kurs hoch am Wind ohne Welle, wir segeln mit vollem Tuch und sehen gleich in den ersten Tagen zweimal Wale ganz nah an unserem Boot. Wir fragen uns, kann es überhaupt schöner werden? Das Meer ist flach wie der Ammersee und unsere Seebeine wachsen von ganz alleine. Einzig unser Ruder macht ein komisches Geräusch. Das würden wir keine drei Wochen aushalten (vermutlich nicht mal 3 Stunden) also reparieren wir es bei ruhigem Seegang lieber gleich. Nebenbei reinigen wir die Bilge von ein paar Tropfen Diesel und haben davon abgesehen den entspanntesten Start in eine längere Passage, den wir jemals hatten.
Nach ca. 5 Tagen stellt sich uns ein Tief über Bermuda in die Quere und uns bleibt kaum eine Wahl. Bleiben wir weiter südlich könnten wir die Ausläufer des Tiefs nach Osten reiten. Mental müssen wir uns darauf einstellen, nun drei Wochen am Stück auf See zu sein statt nur einer. Nach den ersten Tagen, die wirklich gut gelaufen sind, fällt uns das nicht allzu schwer. Außerdem haben wir ein dänisches Buddy Boat. Seit dem Ankerplatz in den Bahamas waren wir nicht weiter als 10 Seemeilen voneinander entfernt und die Crew ist auch zu zweit. Wir beschließen den Rest der Strecke ebenfalls gemeinsam zu meistern und tüfteln mit Freude zusammen an der besten Strategie und dem nächsten Wegpunkt. Seite an Seite ändern wir nach und nach den Kurs nach Osten, Bermuda bleibt links liegen und Kurs Azoren liegt an.
In the middle of nowhere
Nach den entspannten Tagen mit Downwind-Segeln durch die Ausläufer des letzten Tiefdruckgebietes, beginnt für uns ein Flautenkrimi. Fleißig tüfteln wir mit unserem Buddy Boat und bewegen uns entlang von 30 Grad Nord immer weiter nach Osten. Tagsüber segeln wir in leichtem Wind mit unserem Blister wahnsinnig schön und schweben magisch über den Ozean. Nachts wechseln wir auf die Genua und unser Großsegel, mal auf Backbordbug, mal auf Steuerbordbug. Ein paar mal müssen wir den Motor anwerfen und überwachen generalstabsmäßig die Motorstunden und den Füllstand der Dieseltanks. Es ist ein waghalsiges Spiel mit dem Motoren. Verfahren wir zu früh zu viel Sprit, fehlt es uns womöglich am Ende, um einem der heftigen Tiefs aus dem Norden auszuweichen. Sobald wir nur ansatzweise genug Wind in die Segel bekommen, stellt sich wieder herrliche Ruhe ein.
Uns begegnen täglich ein bis zwei Container Schiffe, die meist in großem Abstand an uns vorbeifahren. Die Überfahrt ist bisher wahnsinnig ruhig und fast ereignislos, bis wir eines nachts gemäß Murphys Law gefordert werden. Wir sind auf Kollisionskurs mit einem Cargo Schiff und per Funk ist uns nicht klar, ob er uns wirklich sieht. Er beteuert es zwar, aber so ganz vertrauen wir der Situation nicht. Im gleichen Moment bleibt der Wind aus und kommt nur Minuten später aus 90 Grad anderer Richtung. Leider haben wir die Segel auf Schmetterling Besegelung gesetzt und während ein Regen wie im Monsun einsetzt, halten wir in nächster Sekunde direkt auf das Frachtschiff zu. Wir sind sehr schnell sehr wach und sortieren uns, ändern kontrolliert die Segelstellung, überprüfen den Kurs und erinnern uns recht eindrücklich: Wir sind immer noch auf einem Ozean unterwegs und out here shit happens very fast! Spannender wird es diese Nacht zum Glück nicht mehr und wir segeln wieder entspannt in den nächsten Tag hinein.
N31° 56' 25.66'' W053° 16' 34.31' - Halbzeit
Nach 11 Tagen haben wir mit rund 1.374 Seemeilen die Hälfte der Strecke geschafft. Die See ist flach wie eine Badewanne und wir springen zur Feier des Tages kurz ins Wasser. Unter uns kilometerweit nur blau und das Wasser schimmert und glitzert aus allen Richtungen. Gruslig aber auch ziemlich einzigartig. Es folgen viele Tage am Wind segeln bei 10 bis 15 Knoten Windgeschwindigkeit, die Welle ist comme si comme ça. Sobald sich der Wellengang beruhigt, können wir entspannen. Sobald er wieder zulegt stampfen wir als gäbe es keinen Morgen mehr und wir fragen uns, wie lange sich wohl die nächsten 11 Tage anfühlen können. An einem dieser sehr langgezogenen Tage überrascht uns der Ozean mit dem wohl größten Highlight der Überquerung. Kurz vor Sonnenuntergang liefern zwei Buckelwale eine Show zwischen uns und unserem Buddy Boat ab. Unsere Boote sind kaum zwei Seemeilen auseinander, als die Giganten zwischen uns in die Luft springen und vergnügt ihre Schwanzflossen in die Höhe werfen. Solch ein magischer Moment diese Riesen in ihrem Wohnzimmer besuchen zu können. Wir stehen staunend im Cockpit und trotz bleierner Müdigkeit saugen wir den Moment staunend und voller Demut auf. Wie schön solche Momente erleben zu können. Jetzt kann es wirklich nicht mehr schöner werden, oder?
Täglich grüsst das murmeltier
Die Tage verstreichen und wir müssen unser Logbuch genau führen, um zu wissen, welchen Tag wir haben. Claudius übernimmt meist die Wache nach dem Abendessen (unsere Kochkünste werden zunehmend unspektakulär). Sventja macht die Hundewache in der zweiten Hälfte der Nacht, wobei um 3 Uhr schon die Sonne aufgeht. Der wohl deutlichste Hinweis, dass die Uhrzeit bereits falsch ist aber was heißt das schon? Wir leben trotzdem einfach nach Bahamas Zeit weiter. Tagsüber wechseln wir uns mit der Wache ab und jeder macht mal ein Nickerchen.
Sieht man genau hin, wirkt jeder Tag ein bisschen einzigartig. Das tiefe Blau leuchtet immer wieder anders. Azurblau wechselt zu einer helleren Version und je weiter nördlich wir kommen, umso grüner wird das Wasser. Bei Sonnenaufgang sieht die Oberfläche aus wie gemalt und geht die Sonne wieder unter, wechseln die Schatten der Wellen von schimmerndem Gold zu fast kupferfarben. Portugiesische Galeeren schwimmen vorbei, Vögel besuchen uns und nutzen unser Radar als Schlafplatz. Unsere Ambitionen zum Angeln halten sich in Grenzen, da wir keinen guten Köder mehr haben. Alles was wir fangen ist eine Fischerleine, deren Gewicht uns beim Einholen einige Schweißperlen kostet. Äpfel, Kohl und Aubergine sind unsere letzten treuen Begleiter.
Schleichend aber zielsicher braut sich eine neue Geduldsprobe für uns zusammen. Der Wetterbericht verkündet keine frohe Botschaft, der Wind dreht und auf dem Programm steht strammes Segeln hoch am Wind nach Norden. Keiner will nach Irland und zwischenzeitlich vermuten wir, vielleicht Weihnachten auf den Azoren anzukommen. Es zehrt an unserer Laune, dieses Segeln in die „falsche“ Richtung. Die Tage sind anstrengend und wir segeln so hoch am Wind wie wir können. Nach und nach verlieren wir die Kontrolle über das dreckige Geschirr und auch die Erinnerung an die letzte Dusche ist nur noch verschwommen vorhanden.
Manchmal braucht man Glück. Der Wind dreht früher als erwartet und wir können nach zwei Tagen non-stop in die Welle stampfen wieder Kurs auf Faial anlegen, unserem Ziel auf den Azoren. Dieser 90 Grad Stimmungsaufheller wird von zahlreichen Delfinen begleitet, die uns fast stündlich besuchen als würden sie uns sagen, hier gehts lang. Wir finden im letzten Eck noch sauberes Geschirr und stapeln in der Spüle einfach fröhlich weiter. Hauptsache Kurs auf die Azoren liegt an.
Auf dem AIS erscheinen mehr und mehr Boote. Fischer, Segler, große Yachten. Wenn das nicht die Nähe von Land bedeutet. Während der Passage segeln wir relativ konservativ. Frühes Reffen, wenig Belastung auf Material und unseren Seelenfrieden. Die letzten Tage erwischen wir uns, wie wir das Segel trotz Böen noch ein bisschen länger oben lassen und das Segeltrimmen bekommt kompetitive Züge. Uns packt der Ehrgeiz und der Wille nach über 20 Tagen endlich anzukommen.
Land ahoi
Die Insel Faial liegt zum Greifen nahe und man muss nicht mal mehr groß herauszoomen, um sie auf der Seekarte zu finden. Zwischen uns und unserem Glück liegt wie so oft die Mitte eines Hochdruckgebiets. Anders gesagt, kein Wind. Macht nichts, wir haben noch genug Diesel, also Maschinen an und wir nähern uns zielstrebig den Inseln. Außerdem rauscht laut Wettervorhersage in zwei Tagen ein unangenehmes Tiefdruckgebiet mit 40 Knoten Windstärke über die Azoren und wir haben größte Ambitionen, vorher in den sicheren Hafen von Horta zu kommen. Bevor uns gegen Ende noch langweilig wird, tauschen wir mit unserem Buddy Boat Kekse gegen Chips auf hoher See und die Stimmung könnte so nah am Ziel nicht besser sein.
Diesmal sind wir uns ganz sicher: Schöner wird’s nicht. Nach 23 Tagen auf hoher See sehen wir endlich wieder Land und diesmal fühlen wir uns wie das Pferd auf dem Weg zurück in seinen Stall. Die Spitze des Vulkans Pico erscheint ganz deutlich am Horizont und als würde es einen großen Unterschied machen, zählt auf einmal jeder halbe Knoten an Geschwindigkeit. Überforderung macht sich breit durch die Welle an Gefühlen, die plötzlich auf uns überschwappt. Wir sind fast traurig, weil das Ende naht, aber auch erleichtert, weil alles gut gelaufen ist. Dankbar sind wir vor allem für die guten Bedingungen während der Überfahrt und wir freuen uns unheimlich auf Bewegung. Zu guter Letzt: Endlich wieder 8 Stunden durchschlafen! Wir haben einen guten Rhythmus für uns gefunden aber mehr als 3 bis 4 h durchgehend schlafen war trotzdem nicht drin. Der Geruch von Land nach 23 Tagen auf See fällt uns besonders eindrücklich auf. Es riecht nach feuchter Erde, grünem Gras und die Sturmtaucher begrüßen uns mit ihrem urkomischen Kreischen, das wie ein weinendes Baby klingt. Wir stehen am Bug, bestaunen die Klippen und sind so stolz auf uns. Wir haben den Atlantik zum zweiten Mal überquert und sind zurück in Europa. Wie surreal.
Nachdem die Inseln am Horizont den ganzen Tag über immer größer werden, laufen wir am 16. Mai nachts um 23 Uhr Ortszeit im Hafen von Horta auf Faial ein. Wir machen neben unserem dänischen Buddy Boat fest und eine weitere Crew wartet bereits mit einem Anlege-Bier auf uns im Hafen. Es ist langes Wochenende und wir feiern gemeinsam auf einem Straßenfest im Zentrum unsere Ankunft. An den Straßenständen gibt es Bier und selbstgebackenen Kuchen zu kaufen, was braucht man mehr? Um 5 Uhr morgens fallen wir nach einer Nacht in Feierlaune so erschöpft wie nie in unsere Kojen.
N38° 31' 54.12'' W028° 37' 30.00'' - we made it!
23 Tage & 5 Stunden
2720 Seemeilen
100 Stunden unter Motor
6 Wale
unzählige Delfine
2 müde und glückliche Segler
Horta - azoren
Am nächsten Morgen werden wir viel zu früh und unsanft laut von unserem Nachbar geweckt. Die Boote im Hafen liegen wegen Platzmangel im Päckchen und wir müssen Platz machen, er will ablegen. Wenn wir schon mal wach sind marschieren wir direkt danach zum Einklarieren. Bei den Customs und Immigration Beamten fühlt es sich endlich nicht mehr an als müssten wir zu Kreuze kriechen. Nach weniger als fünf Minuten heiß es: Willkommen in Europa und alles ist erledigt. Wie schön.
Die folgenden Tage verbringen wir mit viel Schlaf und räumen etwas das Boot auf. Zwischendrin treffen wir uns mit anderen Seglern, tauschen unsere Geschichten aus und genießen die wirklich einmalige Atmosphäre in Horta. Jeder hat gute Laune, alle sind froh es geschafft zu haben und es kommt jeden Tag ein neues Boot an und damit auch ein neuer Grund zum Anstoßen. Irgendwo ist schließlich immer vier Uhr. Außerdem sind wir unheimlich froh im sicheren Hafen zu liegen, als das Tiefdruckgebiet über uns hinweg fegt.
Horta auf Faial
Zum obligatorischen Programm gehört es, unser Bildchen an die Kaimauer des Hafens zu malen. Außerdem mieten wir ein Auto und schauen uns den Westen der Insel an. Wir schleppen unsere strapazierten Körper bei schönstem Wetter um die Caldera des Vulkans und das lokale Essen schmeckt besonders gut, nicht nur weil wir endlich nicht mehr selbst kochen müssen.
Caldera und Blick auf Horta, Faial
Überfahrt zum festland
Viel zu früh müssen wir das Boot nach einer Woche und den wundervollen Tagen wieder vorbereiten, unsere Pflichten am Festland rufen. Wie sagt man so schön, „ships are safe in the harbor but are built for something else“ und bei 20 Knoten Wind, trübem Wetter und schaumiger Welle verlassen wir ein bisschen widerwillig den sicheren Hafen in Horta Richtung Nordost.
Die Überfahrt auf das europäische Festland addiert nochmal ca. 1000 Seemeilen auf unseren Tacho und wir planen 7 bis 8 Tage dafür. Müsste man diese Überfahrt in einem Satz beschreiben wäre es wohl folgender: Wir segeln recht schnell aber durchgehend in die falsche Richtung. Erst laufen wir 4 Tage lang bei ordentlich Wind und Welle viel zu weit nach Norden ab. Danach wird aus dem Wind ein laues Lüftchen und wir arbeiten uns unter Segel zurück nach Süden. Zwischendurch werfen wir im Windloch den Motor an und arbeiten uns nach Osten, um bei mentaler Gesundheit zu bleiben. Aber um ehrlich zu sein, versuchen wir überwiegend die letzten Tage und Stunden der Reise aufzusaugen. Es macht uns gar nicht so viel aus wie sonst, die großen drei bis vier Meter Wellen des Atlantiks zu surfen. Beim Sonnenaufgang wird kein Nickerchen gemacht sondern ausnahmslos zugeschaut, wer weiß wann wir das so schnell wieder erleben. Ja, wir freuen uns auf das Ankommen aber ja, wir gruseln uns auch vor dem Landleben und obwohl es anstrengend ist, so schätzen wir unsere lieb gewonnene Freiheit auf dem Boot doch sehr.
Beiseite mit den Sentimentalitäten. Vor unserem Landfall müssen wir das Verkehrstrennungsgebiet vor Nordspanien queren. Zu deutsch: Alle Bananenfrachter, Tanker und Cargo Schiffe, die aus dem Ärmelkanal kommen oder auf dem Weg in die Nordsee dort rein wollen, müssen sich auf vier Trassen an der Küste vor Galizien vorbeischieben. Es gibt strenge Regeln zur Querung und die Berufsschifffahrt darf nicht behindert werden. Nichts weniger ist uns im Sinn und unser Plan ist, im rechten Winkel möglichst zügig das insgesamt 23 Seemeilen breite Gebiet hinter uns zu bringen. Ein Frachter bricht unseren Komfortabstand aber ein Funkspruch klärt die Situation auf und er hat uns auf dem Schirm. Es folgt der Moment aller Momente eines Seglers, wir kreuzen nach eineinhalb Jahren unser Kielwasser. Die große Atlantikrunde ist beendet und der Kreis schließt sich von ganz alleine.
N42° 26' 35.91'' W009° 17' 55.83'
Am 01.06.2026 um 20:08 Ortszeit kreuzt die Sir ihren Weg, den sie am 21.12.2024 bereits gemeistert hat. Wir könnten nicht stolzer sein und stoßen mit mexikanischem Tequila auf unseren Moment an. Viel Zeit zu feiern bleibt nicht, wir wollen vor der Dunkelheit unseren Ankerplatz erreichen. Unterwegs haben wir die Ria de Pontevedra als Ziel festgelegt. Wir erahnen zwar schon Land in Sicht aber kurze Zeit später umhüllt der berühmte Nebel die galizische Küste und wir schaukeln einer grauen Wand entgegen. Außerdem hat gefühlt die gesamte Fischerflotte Spaniens beschlossen auszulaufen und vor unserer anvisierten Ankerbucht scheint es die besten Fischgründe dieses Universums zu geben. Nachdem tagelang wieder erstaunlich wenig passiert ist, stehen wir an Deck Spalier und manövrieren aufmerksam durch die Fischer, Fischerbojen, Netze, Inseln, Felsen und Untiefen der spanischen Küste. Im völlig Finsteren fällt unser Anker nach 7 Tagen und 10 Stunden auf See und wir berühren europäisches Festland. Ein Gefühl, das eine Weile braucht, bis man es wirklich realisiert.
Küste von Spanien & Ankerbucht Praia Area da Cruz
Unser Zielhafen ist Combarro in der Ria de Pontevedra und wir wechseln am nächsten Morgen in die Marina. Wie Phönix aus der Asche kommen wir nach einer langen Dusche aus dem Gebäude des Hafens und realisieren unwirklich und überwältigt mit einem Dauergrinsen unseren Erfolg. Sventjas Familie bereitet uns ein Begrüßungskommittee und wir genießen galizische Tapas unter der angenehm warmen spanischen Sonne.
Ria de Pontevedra, Galizien in Spanien
Während der Überfahrt sind wir Teil einer Segel Community. Mehrere hundert Boote, die dieses Jahr ihre Überquerung machen wollen, teilen ihre Erfahrungen und man unterstützt sich gegenseitig bei allen Herausforderungen. Die meisten sind nach uns gestartet und wir verfolgen gespannt vor allem die Boote, die wir persönlich kennengelernt haben. Wir erfahren über diesen Weg auch von anderen Segelbooten, bei denen es deutlich schwieriger gelaufen ist als bei uns. Ein paar Boote haben dieses Jahr ihren Mast verloren, viele kämpfen mit Motorproblemen, Segel reißen, manch einer hat Wassereinbruch, manchmal mangelt es an Süßwasser und einem anderen ist der Dieselvorrat über Bord gefallen. Wir lesen Berichte von heftigen Squalls mit Böen um die 50 Knoten und gnadenlose Tiefdruckgebiete rauschen über die Flotte hinweg.
Wir würden soweit gehen zu sagen, uns hat die Überquerung sogar richtig Spaß gemacht. Wir haben die Lorbeeren für unsere Bemühungen geerntet, unsere Strategie was das Wetter betrifft ist aufgegangen und wir haben unser Boot zu zweit sicher über den Atlantik gesegelt. Es war unheimlich anstrengend und wenn wir daran zurückdenken bleibt nichts als ein breites Grinsen im Gesicht. Wir sind noch mitten in der Regeneration bzw. Eingewöhnung in dieses Landleben und melden uns sicher nochmal mit einem abschließenden Fazit bei euch. Bis dahin genießen wir die Magie des Ankommens und versuchen die Antwort auf die Frage zu finden, wann wir wieder zurück auf hohe See finden. Wir danken euch allen fürs Daumen drücken und mitfiebern, es war uns ein Fest!























































































































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Markus (Donnerstag, 18 Juni 2026 21:10)
Wie immer sooo schön zu lesen! Vielen Dank dafür, dass ihr eure Glücks- und andere Gefühle mit uns teilt. Ich hoffe, dass euch diese Erfahrungen lange in Erinnerung bleiben. Trotzdem schön, euch wieder zuhause zu haben!
Marlis (Donnerstag, 18 Juni 2026 21:41)
Mein tiefster Respekt für eure Leistung und herzlichsten Dank dafür , dass ich mit euch mitfiebern durfte.
Philip (Donnerstag, 18 Juni 2026 21:50)
Wow, was ne tolle Geschichte. Echt überwältigend! Herzlichen Glückwunsch!!���