#17 - Bahamas

BYE bye mexiko

Nach zwei Monaten planen wir Anfang Februar hochmotiviert unseren ersten Schlag von West nach Ost seit dem Start unserer Reise. Außerdem verabschieden wir uns von unserem Langzeit-Buddy Boot Ronja. Anna und Wolfgang beenden ihre Segelreise planmäßig, bereiten sich wieder auf ein Landleben vor und verkaufen ihre Ronja. Wir haben uns in den letzten Wochen und Monaten ebenfalls Gedanken gemacht, wohin unsere Reise gehen soll. Hand aufs Herz, wir haben noch andere Pläne und bevor uns demnächst noch jemand Lifestyle-Teilzeit vorwirft, müssen auch wir zurück an Land. Uns schwirrt die große Atlantikrunde immer wieder durch den Kopf und der Gedanke setzt sich fest. Die Passage von West nach Ost über den nördlichen Atlantik will bezwungen werden und die Vorstellung, unser eigenes Kielwasser am europäischen Festland wieder zu kreuzen, zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht. Unser neues Ziel ist daher: Europa. Die Bahamas werden nicht nur ein schöner Zwischenstopp sondern auch unsere Absprungbasis für die zweite Atlantiküberquerung. 

Im ersten Schritt müssen wir Strecke nach Osten machen. Unseren Plan, an der Ostküste der USA entspannt mit genug Infrastruktur am Boot zu basteln, mussten wir bekanntlich verwerfen. Auf den Bahamas größere Bootsprojekte angehen wäre mangels Infrastruktur keine besonders grandiose Idee. Also müssen wir die wichtigsten Themen noch schnell in Mexiko angehen. Unser Boot hat einen zweiten großen Dieseltank, den wir bisher ungenutzt durch die Gegend fahren und der bis dato abgeklemmt war. Spätestens für die Rückreise über den Atlantik werden wir mehr Dieselvorrat brauchen. Das Projekt haben wir schon länger geplant, daher haben wir das meiste dafür schon in Europa gekauft. In den mexikanischen Baumärkten schaffen wir es beeindruckend zügig die fehlenden Teile zu beschaffen und verdoppeln mit dem Tank relativ bequem unseren Dieselvorrat auf insgesamt ca. 400 Liter. Außerdem wird die Sprayhood repariert, die Lichtmaschine umgebaut und ordentlich Essen vorgekocht. Zwischendrin besorgen wir noch neue Starterbatterien, nachdem die alten den Geist aufgeben haben. Unterhaltung für zwischendurch bescheren uns die olympischen Winterspiele und wir lenken uns bei manch einer schweißtreibenden Aufgabe einfach mit Bildern aus dem Schnee ab.

Bimini reparieren, olympische Spiele als Motivationshelfer und Dieselpumpe anschließen

Eine weitere Mammutaufgabe ist der Proviant für die nächsten Wochen. Die Bahamas sind bekanntlich teuer und die Lebensmittel-Auswahl auf Inseln hat uns noch nie nachhaltig begeistert. Frisches Obst und Gemüse kaufen wir natürlich weiterhin unterwegs, aber für alles andere verwandeln wir unser Boot in Mexiko in ein schwimmendes Supermarktregal. 12 Kilo Mehl, 7 Kilo Reis, 30 Packungen Pasta, 20 Packungen Müsli und unzählige Konserven mit Bohnen, Kichererbsen und Co. nehmen ihren Platz im Boot ein, bis auch aus der letzten Ritze die Tomatendosen hervorquellen. Außerdem wandern Notfallrationen an Erdnussbutter in die Bilge (für die gute Laune) und wir verstauen mehrere Grosspackungen an Toilettenpapier (eignet sich neben seinem eigentlichen Verwendungszweck auch wahnsinnig gut als Geräuschdämpfung zwischen klapperndem Geschirr). Mindestens zwei, besser noch drei Monate sollen die Vorräte reichen. Gar nicht so einfach. Wir schätzen grob, was wir pro Woche ungefähr verbrauchen, rechnen das hoch und setzen noch einen Puffer obendrauf. 

Proviant für die nächsten Wochen und Monate

Hello golfstrom

Der Tag der Abfahrt aus Mexiko naht Mitte Februar. Das Wetterfenster ist nicht perfekt aber das beste seit ca. 6 Wochen, also Leinen los. Der Golfstrom kommt uns als erstes in der Quere. Kurze steile Welle gepaart mit Wind über 25 Knoten direkt auf die Nase. Um es kurz zu sagen: Das war nicht schön. Wir schaffen es nur sehr beschwerlich aus den Untiefen vor der Yucatán Halbinsel raus und erkämpfen uns jede einzelne Meile nach Nordosten. Die ersten 24 Stunden des viertägigen Trips lassen uns diverse Lebensentscheidungen kritisch hinterfragen. Fühlt sich so segeln von West nach Ost an? Unser Boot schlägt sich deutlich besser als wir und stampft sich durch die Wellen. Im Schatten von Kuba beruhigt sich die See wieder. Nördlich der Insel kämpfen wir mit Flauten bevor wir uns am dritten Tag wieder mitten im Golfstrom platzieren und zielsicher Richtung Bimini steuern, unserem Port of Entry im Norden der Bahamas. Kuba qualifiziert sich auf Grund der wirtschaftspolitischen Lage nur als Notstop aber da das Wetterfenster stabil bleibt und der Wind zu unseren Gunsten dreht, rauschen wir mit 7 Knoten in der Strömung einfach vorbei.

Routenplanung von Puerto Aventuras nach Bimini mitten im Golfstrom

bimini

Nach vier Tagen kommen wir etwas strapaziert aber zufrieden auf den Bahamas an. Traumhaft schönes Segelrevier, glasklares Wasser, schimmerndes Blau und endlose Sandbänke. Die Seekarte mahnt mit erhobenem Zeigefinger ziemlich deutlich vor Flachwasser und Strömungen zwischen den Inseln. Die erste Flachstelle liegt direkt auf der empfohlenen Route unserer Seekarte aber wir machen Eyeball-Navigation und drehen rechtzeitig vorher ab. Getreu nach dem Motto 'if you ain't been aground you ain't been around' berühren wir keine 10 Minuten später im Kanal bei Bimini zweimal kurz hintereinander den Grund, die Sandbänke meinen es wohl ernst mit uns. Nichts wildes und wir können uns beide Male selbst befreien. Über Funk hören wir nur einen Tag später einen anderen Segler, der der Seekarte mehr Vertrauen geschenkt hat und fragt, ob ihn jemand abschleppen möchte. Er steckt fest und schafft es nicht selbst aus dem Schlamassel. Wenigstens sind wir nicht die Einzigen. Nach dem Einklarieren folgt unser Standardprogramm nach jeder Überfahrt: Salz vom Deck schrubben und eine große Portion Soul-Food.

Channel vor Bimini & Berry Islands

Die ersten Tage auf den Bahamas laufen wie immer und wir werkeln überwiegend in unserem Boot, nur eben an einem schönen Ort. Erstmal bringt ein Tiefdruckgebiet starken Nordwind und wir suchen Schutz in einer einsamen Bucht der Berry Islands. Uns besucht ein Delfin am Ankerplatz und abends tauchen die ersten Haie an der Badeleiter auf. Währenddessen melden einige Dinge an Bord eine Reparatur bzw. Wartung an, die wir wirklich so gar nicht gebrauchen können. Unser Ruder verlangt Aufmerksamkeit, der Motor will auch irgendwas von uns und es ist auf den letzten hohen Am-Wind-Kursen wieder viel Wasser in die Bilge gelaufen. Außerdem ist die Fassung der Positionslichter korrodiert und wir müssen unser Dinghylicht notdürftig an unserem Bug befestigen. Zwischendrin kreisen unsere Gedanken sehr viel um die bevorstehende zweite Atlantiküberquerung. Kurzum, wir machen hier keinen Urlaub (wie gefühlt alle anderen um uns rum) sondern werkeln, recherchieren und reparieren. In Nassau wagen wir den Versuch und wollen ein paar Dinge in den lokalen Marineshops besorgen. Es gibt eine beeindruckende Auswahl an Angelködern aber ansonsten nicht ansatzweise etwas, was wir guten Gewissens in unserem Boot verbauen wollen würden. Für den dreifachen Preis versteht sich, den wir erwartet hätten. Also lassen wir das und arbeiten mit dem, was wir an Bord haben. 

Seit wir in der Nähe von Nassau vor Anker liegen sind unsere Bootsnachbarn ein anderes Kaliber geworden. Die Beiboote sind so groß wie unser ganzes Segelboot und nachts beleuchten die schwimmenden Paläste die ganze Bucht. Spätestens wenn das Beiboot ebenfalls ein AIS-Signal sendet, müssen wir schmunzeln. Man winkt sich freundlich zu und genießt neben den riesigen Kolossen das blaue Wasser. Zur Abwechslung suchen wir das letzte saubere T-Shirt aus dem Schrank und besuchen mit unserem Dinghy die Marina ums Eck. Wir wollen nur kurz anlanden, da die meisten Strände um uns herum privat sind und fragen in dem Nobelhafen freundlich nach etwas Diesel. Wir wissen nicht ganz was wir antworten sollen, als wir nach dem Namen unseres Beiboots gefragt werden (wir nehmen gerne noch Ideen an) und staunen einfach schmunzelnd wie viel Geld in diesem Hafen schwimmt.

Lyford Cay, New Providence / Nassau

staniel cay

Zwischen all dem Werkeln wollen wir zügig nach Süden in die Exumas weiter und planen ein Wiedersehen mit unseren Freunden. Unsere Holländer, die wir in Kolumbien zurücklassen mussten sind ebenfalls auf dem Weg in die Exumas und Anna und Wolfang haben kurzfristig beschlossen, nochmal Urlaub auf den Bahamas zu machen, bevor sie ihre Heimreise nach Österreich antreten. Wir geben Gas und kreuzen trotz steilem Windwinkel bei kurzer Welle über die Sandbank. Über Highborne Cay und Warderick Wells Cay hangeln wir uns nach Staniel Cay und treffen uns gerade    rechtzeitig zu Annas Geburtstag. Endlich erlauben wir uns eine kleine Verschnaufpause zwischen all den Seemeilen und wir genießen ein paar Tage mit unseren Freunden. Schnorcheln in der James Bond Grotte, Besuch der schwimmenden Schweine, immer auf der Suche nach Haien im Wasser und abends gibt es Pizza mit Bier im Cockpit in allerbester Gesellschaft. Die Tage vergehen wie im Flug, sind Balsam für die Seele und wir können unsere Batterien wieder aufladen. 

Big Beach, Thunderball Grotte & Annas Geburtstag vor Staniel Cay 

Nach den Tagen kommen auch wir zum ersten Mal im Urlaubsmodus an und sehen die Magie der Exumas. Das Wasser schimmert in allen Blautönen dieser Erde, Sonnenlicht funkelt auf dem Wasser und die Unterwasserwelt lässt uns staunen. Ammenhaie tummeln sich in der ganzen Bucht, Rochen fast so groß wie unser Dinghy schweben vorbei und Schildkröten flitzen unter unserem Rumpf von links nach rechts und umgekehrt. So langsam sackt es, dass wir auf der Rückreise nach Europa sind und wir saugen die wertvollen Momente auf unserem schwimmenden Zuhause noch ein bisschen mehr auf als sonst. Können wir das überhaupt, zurück in ein Landleben?

black point

Wir segeln die folgenden Tage mit Irene und Martijn weiter und verbringen Sventjas Geburtstag in der Nähe von Black Point. Den letzten größeren Supermarkt gab es in Nassau und wir fragen in einem kleinen Convenience Store, wann das Mailboat mit der neuen Ladung Obst und Gemüse vorbei schaut. Wir bekommen ein Schulterzucken als Antwort, leider kommt es wegen dem Wetter verspätet und es gibt vorerst nichts. Also müssen wir zum Geburtstagsessen mit unseren Konserven kreativ werden und schauen, was das Meer uns sonst zu bieten hat. Wir vermuten noch zwei Kartoffeln in der Bilge und Kohl könnte auch noch irgendwo rumfliegen. Früher hätte uns das womöglich genervt, heute lächeln wir es müde weg und freuen uns auf ein einfaches Lagerfeuer mit Stockbrot und Fisch. 

Regatta vor Black Point, Segeln mit Kia Ora & Sventjas Geburtstag mit Lagerfeuer am Strand

Little pipe cay

Exuma Champagne Sailing

Es folgen Tage, für die sich all die Mühe lohnt. Wir segeln von Black Point Richtung Pipe Cay und es kommt uns vor wie im Traum. Keine Welle, leichte Brise und wir gleiten nur so dahin. Zusammen mit Kia Ora genießen wir einen der besonders schönen Segeltage unserer Reise. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus und wir erlauben uns, mit unserem Kaffee gemütlich dem Plätschern zu lauschen während wir bei 7 Knoten Wind entspannt mit 5 Knoten Geschwindigkeit dahin rauschen. Zugegeben haben wir uns am Anfang mit den Bahamas etwas schwer getan, da wir ursprünglich lieber an der Ostküste der USA nach Norden gesegelt wären. Aber die Inselkette der Exuma kann sich sehen lassen und wir sind happy.

Pipe Cay

Unser nächster Ankerplatz vor Little Pipe Cay ist auch nicht von schlechten Eltern und wir teilen uns die Bucht nur mit einer Handvoll anderer Boote. Meist sind wir sogar nur zu zweit, da die Charterboote selten länger als eine Nacht bleiben. Als der Sternenhimmel langsam über uns aufzieht, treiben wir glückselig in der Strömung, immer um unseren Anker hin und her. Sventja wagt sich die Tage darauf das erste Mal unter Irenes Kommando auf ein Kiteboard. Man ist ja nie zu alt noch was Neues zu lernen, und  wir versuchen uns das Blau für die Ewigkeit abzuspeichern.

Kia Ora und Sir vor Little Pipe Cay

Gerne würden wir solche Bedingungen für die Atlantiküberquerung bestellen. Träumen darf man ja wohl noch. Denn ehrlicherweise kreisen unsere Gedanken sehr viel um die Vorbereitung. Boot und Crew müssen vorbereitet sein für einen solchen großen Schlag. Bis zu den Azoren sind es ca. 2.700 Seemeilen und es kommen nochmal rund 1.000 bis zum europäischen Festland dazu. Die Hinfahrt über den atlantischen Ozean von den Kapverden in die Karibik gilt als ein Spaziergang, die Rückfahrt von West nach Ost im Vergleich dazu als Arbeit. Im nördlichen Atlantik müssen wir die Winde der Westwindzone nutzen, kein stetiger Passatwind mehr. Die Winde kommen aus allen Richtungen, sind potentiell stärker und auch die See rauer. Sind wir zu weit nördlich, überrennt uns vielleicht ein Tiefdruckgebiet. Bleiben wir weiter südlich laufen wir Gefahr, tagelang in einer Flaute festzusitzen. Unser Ziel ist es, uns am nördlichen Rand des Azorenhochs entlang zu hangeln. In der Theorie klingt der Plan wahnsinnig schlau. In der Praxis klappt das mal mehr, mal weniger gut weil das Hochdruckgebiet vor allem zu Beginn der Saison noch nicht sonderlich stabil ist. Die Saison zur Überfahrt beginnt im April, die Mehrheit wagt die Passage erst im Mai. Für uns war der Begriff 'Hauptsaison' schon immer dehnbar, daher wollen wir im April schon bis auf die Azoren kommen. Ein sportlicher Plan aber wir sehen es gelassen. Bisher haben wir mit dem passenden Wetterfenster jede Passage gemeistert und wir tauschen uns viel mit anderen Seglern aus, die das Gleiche vorhaben oder schon mal gemacht haben.

Wir sind selbst gespannt und wie immer ein bisschen nervös, voller Vorfreude und ordentlich Respekt. Die positiven Gedanken schauen immer öfter vorbei und die worst-case Szenarien lassen wir nur kurzzeitig für das Risikomanagement zu. Wir erlauben uns optimistisch zu sein. Die Vorfreude auf die Heimat und ein Wiedersehen mit Familie und Freunden sind für uns Antreiber genug, den Sprung über den großen Teich ein zweites Mal zu wagen. Vielleicht werden wir am Ende zumindest für ein paar Tage mit traumhaften Segeltagen mitten auf dem Atlantik belohnt, wer weiß das schon. Für alle anderen Tage dürft ihr uns die Daumen drücken.

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Kommentare: 6
  • #1

    Hubert Aiwanger (+Felix) (Montag, 30 März 2026 00:54)

    „Mei, weng de Saun schaun hättats ihr aa in Bayern bleim kenna.“

  • #2

    Agnes & Jochen (Montag, 30 März 2026 10:50)

    Alle Daumen sind gedrückt!
    „Möge der Wind mit euch sein!“

  • #3

    Tina (Montag, 30 März 2026 12:45)

    von wegen lifestyle- diese Reise ist die Schule für die Essenz des Lebens schlechthin und ihr werdet ein Leben lang davon profitieren� Ihr habt das wichtigste Rüstzeug für eine gute und erfolgreiche Rückkehr (=Überfahrt?) Zuversicht, absolutes Vertrauen in euch selbst, extrem viel Wissen und respektvolle Reflexion über alle möglichen Schwierigkeiten- um nur ein paar aufzuzählen. Ich freue mich auf ein Wiedersehen/Kennenlernen, wenn ihr wieder im Lande seid!!Alles erdenklich Liebe und Gute

  • #4

    Markus (Montag, 30 März 2026 18:33)

    Und wieder einmal traumhafte Bilder, die uns vor Neid erblassen lassen, und die richtigen Worte dazu! Für die Überfahrt drücken wir euch die Daumen - vergesst nicht Neptun zu opfern ;-)
    Seid mutig aber respektvoll! Ich bin jedenfalls auf standby (aber ihr habt ja technisch nachgerüstet).
    Mast und Schotbruch - der Wunsch nach der handbreit Wasser unterm Kiel erübrigt sich auf dieser Route wohl!

  • #5

    Laura (Montag, 30 März 2026 21:55)

    Mal wieder krass beeindruckend. Alles Gute für die „Rückfahrt“ - Daumen sind gedrückt!! �✊���

  • #6

    Jutta Rose-Thiel (Donnerstag, 09 April 2026 16:12)

    Thanks for taking us into the World of Bahamas. Always happy sailing.