Die gute Nachricht zu Beginn des neuen Jahres ist, wir haben endlich wieder ein Dinghy. Unsere Versuche der letzten Wochen ein gebrauchtes Beiboot aufzutreiben sind gescheitert, da niemand außer uns ein Dinghy kleiner als drei Meter besitzen möchte. Auf unserer Route der letzten Monate gab es nirgendwo kleine, gebrauchte Beiboote aber ein größeres würde leider nicht auf unser Vorschiff passen. Als Sventjas Bruder Hendrik an Silvester zu seinem nächsten Urlaubsbesuch anreist, hat er unser neues Dinghy im Gepäck. Ein bisschen trauern wir noch unserem verlorenen Katamaran Dinghy hinterher, aber nichts schmälert das Gefühl, endlich wieder mobil zu sein.
Die weniger gute Nachricht ist unsere neueste Baustelle an Bord. Die letzten Tage des alten Jahres und leider auch die ersten Tage des neuen Jahres verbringen wir damit, unsere Abwasserschläuche auseinanderzubauen. Unsere Toilettenspülung funktioniert nicht mehr und das ist bekanntlich eins unserer Lieblingsthemen. Romantisches Bootsleben eben.
Wir hangeln uns Stück für Stück vom Klo in Richtung Seeventil, um festzustellen, dass einfach alles von vorne bis hinten mit abgelagertem Urinstein verstopft ist. Wir stellen uns unserem Schicksal und amüsieren uns, während wir die Schläuche an der Hafenmauer ausklopfen. Können wir uns erinnern, wann zuletzt Zitronensäure über Nacht einwirken durfte? Durchaus. Haben wir das regelmäßig gemacht? Hier wird die Erinnerung schwammig. Die Schläuche auf einem Boot sind nunmal im Durchmesser leider deutlich kleiner als man das von zuhause kennt und eine Bootstoilette, die seit über einem Jahr im Dauergebrauch ist, braucht anscheinend mehr Pflege als wir auf dem Schirm hatten. Das Schöne ist, wir erledigen die Arbeit zu dritt und die Freude, als wir nach 5 Tagen endlich wieder auf der Toilette statt auf einem Eimer sitzen, ist dreifach groß. Zwischendurch feiern wir gemütlich mit Anna & Wolfgang Silvester im Hafen.
Unsere Zeit in Mexiko teilen wir uns auf in Urlaubsaktivitäten mit Hendrik und Vorbereitung unserer weiteren Reiseroute. Der Wunsch ist, unsere Route nach Norden fortzusetzen und mit dem eigenen Boot in die USA einzureisen. Dafür müssen wir ein Non-Immigrant B2-Touristen Visum beantragen. Der bürokratische Visa-Prozess beeindruckt durch seitenlange Onlineformulare in einem grausigen Login-Bereich, der deutsche Behörden vor Neid erblassen lassen würde. Von der Telefonnummer des letzten Arbeitgebers bis zum Geburtstag der Mutter wollen sie alles wissen oder erhoffen sich vermutlich, dass man die Geduld verliert und den Antrag gleich sein lässt. Außerdem müssen wir zwei vor-Ort-Termine in amerikanischen Konsulaten in verschiedenen Städten Mexikos in Kauf nehmen. Wir wollen uns das Land sowieso anschauen, also halb so wild und wir bringen die nötige Geduld für den Antrag auf.
BaCalar
Zur Belohnung nach der Toiletten Aktion machen wir einen ersten Ausflug in das verschlafene Bacalar, ein Ort im Süden an der Grenze zu Belize. Wir paddeln uns durch die blau schimmernden Süßwasser Lagunen und probieren uns durch die verschiedenen Tacos & Burritos des kleinen Städtchens.
Bacalar
Es folgt ein Abstecher zu den nahegelegenen Mayaausgrabungen der Archaeological Zone Dzibanché. Erst vor rund 100 Jahren entdeckt, wurden sie die letzten Jahre ausgiebig erforscht und sind seit Anfang 2025 für die Öffentlichkeit zugänglich. Beeindruckt schlendern wir durch den Dschungel und bestaunen die Spinnenaffen, die sich über unseren Köpfen akrobatisch von Baum zu Baum hangeln. Zugegeben fast noch spannender, als die vielen Ruinen um uns herum. Wir sind an dem Vormittag die einzigen Besucher und ein Mitarbeiter führt uns von einer Ruine zur nächsten, immer darauf bedacht uns die Affen und Tucane im Blätterdach der riesigen Bäume zu zeigen.
Dzibanché
Die Abende verbringen wir damit, uns in das Visa Portal einzuloggen und ein passendes Datum für die vor-Ort-Termine zu finden. Es ist ein Nervenkitzel, da die Slots begehrt sind und meist schnell ausgebucht. Unsere ersten Termine sind im September 2026… viel zu spät und wir müssen uns Abend für Abend nach vorne hangeln und neue, kurzfristig freigewordene Termine finden. Wir sind zwar flexibel, aber bräuchten zumindest einen Termin im Januar in einer Stadt mit Flughafen. Wie schwer kann das schon sein?
Nach einigen Abenden und ein paar Nerven weniger gelingt es uns, den ersten Visa Termin in Mérida zu ergattern, der Hauptstadt der Yucatán Halbinsel und nur drei Autostunden entfernt. Auf dem Weg dorthin entdecken wir eine traumhaft schöne Cenote. Cenoten sind Karsthöhlen, meist gefüllt mit Grundwasser und einige bezaubern durch beeindruckendes Licht und tiefblaues Wasser. Wir klettern rund 18 Meter in die Tiefe, bevor wir unter strenger Beobachtung einer Fledermauskolonie im kühlen Wasser eine Runde schwimmen.
Cenote Nohoch AcTun
Mérida
Mérida gilt als eine der sichersten Städte Mexikos. Können wir bestätigen, wir fühlen uns wohl und schlendern durch die belebten Straßen. Während unserem Besuch gibt es ein Fest zur Erinnerung der Stadtgeschichte und wir erfahren etwas über die Besetzung der Kolonialherren und die Bedeutung der Mayakulturen für die Region. Die alten Käfer brettern durch die Straßen wohin man schaut, einer schöner als der andere. Unser erster Visa Termin läuft nicht ganz reibungslos aber am Ende passt alles und wir haben den Großteil des bürokratischen Krams bis hierhin erledigt. So nah waren wir dem Visum gefühlt noch nie und wir fangen beinahe an, uns über die Segelrouten an der Ostküste der USA zu informieren.
Mérida
In den Gassen von Mérida finden wir ein deutsches Restaurant, vielmehr ein ‚Bierhaus‘, bei dem man sich normalerweise fragt, wer in seinem Urlaub in ein solches Restaurant gehen würde. Es stellt sich heraus: Wir, die Deutschen mit einem kleinen bisschen Heimweh! Wir träumen schon länger von einer Brezen und auch das Schnitzel ähnelt dem Original aus Bayern zumindest ein wenig.
Auf dem Rückweg nach Puerto Aventuras platzt uns noch ein Reifen und wir wechseln auf das Ersatzrad. Unsere Gelassenheit, die wir durch das Leben auf unserem Boot gelernt haben, ist im Alltag erstaunlich angenehm. Wir wechseln den Reifen in weniger als 10 Minuten und fahren einfach weiter. Ein Wunder, wie weit wir bisher mit der Kiste überhaupt fahren konnten.
Bierhaus in Mérida & Rückfahrt nach Puerto Aventuras
Zwischendurch Pause in Puerto Aventuras. Wir genießen das Leben auf unserem Boot und beschäftigen uns mit kleineren Reparaturen. Zu dritt tüftelt es sich wahnsinnig gut an weiteren Bootsprojekten und unser Liegeplatz in der kleinen Marina gefällt uns immer besser. Nachmittags findet die Backgammon Meisterschaft an Bord statt, wir baden täglich im warmen Meer am Strand um die Ecke und setzen unser Glück beim Angeln ein. Der Adlerrochen scheint uns als Nachbar akzeptiert zu haben und schwebt beinahe täglich vorbei. Abends beobachten wir die Fischadler und wenn mal nichts an unserer Angel angebissen hat, gibt es genügend Fischer im Hafen, die noch was übrig haben.
Puerto Aventuras
Nebenbei zieht sich unser Visa Prozess schlimmer als zäher Kaugummi und wir schaffen es, den zweiten Termin für das Interview und damit den letzten Schritt des Antrags in Tijuana zu bekommen. Nicht grade ums Eck aber immerhin eine Stadt mit Flughafen. Hendrik beendet seinen Urlaub und fliegt zurück nach Deutschland während wir uns zum westlichsten Zipfel Mexikos aufmachen.
Tijuana
Tijuana ist anders als Mérida. Eher eine Stadt, der kein besonders sicherer Ruf vorauseilt. Größter und verkehrsreichster Grenzübergang zur USA, ziemlich viel Polizei & Militärpräsenz und ein Hotspot für organisierte Kriminalität mit statistisch betrachtet mehreren Morden pro Tag. Unsere Motivation ein Visum zu bekommen ist ziemlich groß, also wird Flug und Hotel gebucht. Wie schlimm kann das schon sein?
Playas de Tijuana
Mehr als die Stadt interessiert uns der Pazifik, also buchen wir uns ein Airbnb in der Nähe vom Strand und hoffen auf das Beste. Seit rund zwei Monaten beschäftigen wir uns inzwischen mit dem Visumsantrag. Die Recherche, welches Visum wir als Segler wirklich brauchen, über den initialen Antrag mit endlosen Formularen, die Bezahlung der Gebühren, weiter zur Terminsuche und dem hin und her in welche Städte wir gut reisen können inklusive dem Besorgen aller notwendigen Dokumente und nun stehen wir in Tijuana vor dem aller letzten Schritt. Es fehlt ein ca. 15 minütiges Interview im amerikanischen Konsulat und bei positivem Ausgang könnten wir an die Ostküste segeln. Wir sind optimistisch bis in unserem Posteingang die niederschmetternde E-Mail einfliegt und unseren Wunsch zunichte macht.
Das Konsulat lehnt es leider ab, unseren Interview Termin durchzuführen, da wir keine mexikanischen Staatsbürger sind. Seit September 2025 gibt es die Anordnung aus Washington, dass Non-Immigrant Visa nur noch in ‚the country of residence‘ ausgestellt werden dürfen. Zugegeben wussten wir das vorher, aber hilft uns ja nichts auf einer Weltreise und wir haben uns entschieden zu pokern. Es gibt einige Länder, die Visa weiterhin an Angehörige von Drittstaaten ausstellen, wie wir von anderen Seglern erfahren. Mexiko gehört wohl leider nicht dazu. Wir schreiben haufenweise E-Mails und führen Telefonate aber es hilft nichts, das Konsulat entscheidet im Einzelfall und trotz mehrmaligem Erläutern unserer Situation, werden wir abgelehnt.
Wir müssten nach Deutschland fliegen, um unser Visa zu beantragen (ohne Garantie es überhaupt zu bekommen). Mit dem Segelboot mehr als 6000 Meilen über die Weltmeere segeln, um dann für ein winziges Dokument kurzfristig hin und her zu fliegen? Für uns ist das verhältnismäßig unsinnig, auch was Zeit und Geld betrifft, daher beerdigen wir unseren Wunsch in die USA zu reisen gleich an Ort und Stelle im Sande des Pazifiks.
Playas de Tijuana, Grenze zur USA
Und jetzt?
Die Grenze für viele unüberwindbar, inklusive uns. Da haben wir zu hoch gepokert. Wir wären gerne entlang des Intracoastal Waterways nach Norden gereist, hätten uns über Land und Leute einen persönlichen Eindruck verschafft, fern von allen aktuell verstörenden Medienberichten. Aber alles im Leben hat seinen Grund und unsere Alternative sind die Bahamas. Es gibt schlimmeres und wenigstens haben wir jetzt Planungssicherheit. Die Vorbereitungen für den Törn von West nach Ost laufen und wir warten wie immer auf ein passables Wetterfenster.


































































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Basti (Montag, 02 Februar 2026 19:30)
Finds super, dass ihr euch nicht entmutigen lasst und die Situation nehmt, wie sie ist. Am Ende ist es sicher für etwas gut! Und wir freuen uns auf jeden Fall, wenn ihr dafür ein bisschen früher wieder in der Heimat seid ;).
Philipp (Montag, 02 Februar 2026 19:51)
Liebe Grüße aus der Heimat und wer weiß warum das so gut ist, irgendwann werdet ihr es wissen.