Als Segler wartet man recht viel. Warten auf besseres Wetter, warten auf Ersatzteile, warten auf Behörden, warten auf Öffnungszeiten, warten auf Busse, warten auf Up- & Downloads im Wifi schlüpfriger Cafés. Nach über 2,5 Monaten in Santa Marta planen wir unsere Weiterreise und verbringen die Zeit mit: Warten. Die Hurricane Season neigt sich dem Ende zu und wir wollen die Leinen endlich wieder loswerfen, den Bug in die Welle stechen sehen und nach viel zu langer Zeit wieder unsere Segel mit Wind füllen - wäre da nicht die Lieferung unserer neuen Taue, auf die wir seit Tagen warten und die unsere Abreise aus Kolumbien immer wieder nach hinten verschiebt.
Über eine Woche rennen wir mehrmals täglich zwischen Marina Office, Pförtner und Security hin und her aber es ist kein Paket für Sailing Vessel Sir in Sicht. Jeder hat unsere Telefonnummer und würde (hoffentlich) sofort anrufen. Um aus Kolumbien auszuklarieren müssen wir 24 Stunden vorher schriftlich einen Antrag bei den Behörden stellen, d.h. sobald das Paket da ist, eigentlich nochmal warten. Nach einer Woche ist es tatsächlich soweit und die Dame aus dem Office, die schon mit uns mitfiebert, ruft an und meldet aufgeregt: Paket ist da!!! Wie erklären wir jetzt den Behörden, dass wir am gleichen Tag innerhalb der nächsten Stunde ablegen wollen & das Land verlassen werden?
Abreise aus Santa Marta, Kolumbien
Unser Plan ist, Richtung Norden auf die Cayman Islands zu segeln, einmal quer durch das Karibische Becken. Es ist ein fünf Tage langer, anspruchsvoller Törn und wir rechnen mit einem strammen Halbwindkurs. Es gibt gemütlichere Pläne und trotz aller Vorfreude schwingt Nervosität mit. Die Wind- und Wellenvorhersage ist schon im oberen Bereich und nahe dran unsere Wohlfühlgrenze zu überschreiten. Je später wir ablegen, desto ungemütlicher wird es auf dem offenen Meer und wir müssen mit stärkerem Wind und höheren Wellen rechnen. Unsere Ansprechpartnerin im Marina Büro macht uns wenig Hoffnung, aber sie ist unheimlich nett und versucht uns eine Ausreise am gleichen Tag zu organisieren. Ohne Ausreisedokumente aus dem vorherigen Hafen in ein anderes Land einreisen ist nicht unbedingt etwas, was wir ausprobieren wollen aber noch weniger wollen wir noch länger warten.
Wir machen unsere Boote abfahrbereit und drehen sehr nervös Däumchen. Als wir schon selbst nicht mehr dran glauben kommt die Erlösung: Gegen 17 Uhr haben wir die Unterschrift von den zuständigen Behörden und wir dürfen ablegen. Kurz vor Sonnenuntergang laufen unsere zwei Segelboote Ronja und Sir endlich aus dem Hafen aus. Wir werden herzlich von unseren Freunden und Bekannten verabschiedet und während wir mit einem weinenden Auge nach hinten schauen, ziehen wir im letzten Tageslicht die Segel hoch und segeln Richtung Horizont.
warum machen wir das nochmal?
Überfahrt von Kolumbien auf die Cayman Islands
Die ersten zwei Tage der Überfahrt sind milde beschrieben gewöhnungsbedürftig. Nach einer Stunde auf See wird uns klar, die Nummer wird anstrengender als gedacht. Der Wind ist deutlich stärker als erhofft und die Wellen schlagen alle paar Sekunden von der Seite gegen die Bordwand. Die Wellen sind so hoch wie wir es selten erlebt haben und sie überspülen unser gesamtes Vorschiff und den Decksalon. Warum genau machen wir das nochmal? Wir zweifeln an uns selbst, an der Entscheidung in diesem Wetterfenster losgesegelt zu sein und überhaupt, wie unangenehm kann Segeln eigentlich sein? Zu allem Übel haben wir bei unserer hastigen Abreise nicht alle Luken vernünftig geschlossen und merken es erst, als die Wände und der Boden im Innenraum schon in Salzwasser getränkt wurden. Ein Teil von uns wünscht sich beinahe, länger auf ein besseres Wetterfenster gewartet zu haben (aber nur fast).
Überfahrt von Kolumbien auf die Cayman Islands
Wir existieren und jede Bewegung wird zum Kraftakt. Gegessen wird, was irgendwie in Reichweite hängt oder liegt. Schlaf kann man es nicht nennen aber wir bauen uns ein Kisseneldorado im Decksalon für den kleinen Komfort. Claudius wird bei einer großen Welle fast vom Thron gefegt und unsere Toilette wird zum Schleudersitz. Die Halterung der Brille ist halb abgebrochen und der Gang aufs stille Örtchen ist ab diesem Zeitpunkt ein noch wackligeres Vergnügen, als es ohnehin schon war.
Zusätzlich zu Wind und Welle schiebt uns eine starke Strömung nach Westen und nachts laufen wir vor dem Wind ab. Tagsüber müssen wir wieder Höhe nach Osten gewinnen, damit wir südlich von Jamaika problemlos durch die Untiefen navigieren können. Es ist ein Ritt. Immer wieder entscheiden wir uns zwischen Kurs halten vs. möglichst komfortabel unsere Segel an Wind und Welle anpassen.
Gelegentlich funken wir mit Anna und Wolfgang, die Stimmung ist ähnlich wie unsere. Die Gedanken kreisen einzig darum, die Segel einzustellen und zwischendrin irgendwie zur Ruhe zu kommen während der aussichtslose Kampf gegen die Seekrankheit zur Tagesbeschäftigung wird. Inzwischen segeln wir nur noch im zweiten Reff und als die Böen zu heftig werden, bergen wir mitten in der Nacht das Großsegel komplett. Die schwarze See neben uns schäumt und es ist stockdunkel. Wir haben Neumond und in der Nacht sieht man keinen Horizont. Die Wellen kommen unregelmäßig und es fällt schwer in solchen Momenten die Romantik am Segeln zu finden.
segeln kann so schön sein - wirklich!
Überfahrt von Kolumbien auf die Cayman Islands
Nach zwei Tagen beruhigt sich die karibische See und als wäre unsere Laune daran gekoppelt, hebt sich auch automatisch unsere Stimmung an Bord wieder. Wir folgen unserem Kurs in den Windschatten von Jamaika, werfen den Ingwer mit Schwung in die Ecke (hilft gegen die Übelkeit auf See) und verspüren das erste Mal nach zwei Tagen wieder ein normales Hungergefühl. Außerdem benötigt der Gang zur Toilette nur noch halb so viel Talent im Balancieren. Einem Tief folgt in der Regel ein Hoch und beides liegt in einem Seglerleben oft sehr nah beieinander. Wir holen etwas Schlaf nach und genießen die restlichen zweieinhalb Tage auf See in vollen Zügen. Champagne Sailing mit Wind um die 15 Knoten, kaum Welle und wir gleiten dahin. Hin und wieder reißt uns ein Squall mit Regen und starkem Wind aus der Routine aber im Vergleich zu den ersten 48 Stunden lächeln wir sowas milde weg.
cayman islands
Cayman Islands
Nach insgesamt viereinhalb Tagen erscheinen am Horizont, früher als geplant, die Cayman Islands. Obwohl die ersten 48 Stunden an Schinderei gegrenzt haben, überhäufen sich die Glücksgefühle beim Einlaufen in die Bucht vor Georgetown. Törns wie dieser sind diejenigen, bei denen wir am meisten lernen. Wir lernen unserem Boot zu vertrauen, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben, auf unser Bauchgefühl zu hören und vor allem, uns mit positiven Gedanken durch schwierige Stunden zu bringen. Es gibt Schöneres als mitten in der Nacht aufs Vorschiff zu klettern und das Großsegel runter zu lassen aber inzwischen sitzen die Handgriffe auch bei Schlafmangel und wir erledigen die Manöver deutlich routinierter als zu Beginn unserer Reise. Das macht uns ein bisschen Stolz und schenkt uns viel Selbstvertrauen. Nachdem wir die Klobrille vorerst mit Kabelbinder fixiert haben, suchen wir uns mit noch wackligen Beinen in Georgetown etwas zu Abendessen. Es folgt der schönste und längste Tiefschlaf in unserer ruhigen Koje, den wir seit langem hatten.
Seven Mile Beach, Cayman Islands
Die Cayman Islands belohnen uns mit glasklarem, türkisblauem Wasser. Wir rufen uns in Erinnerung, dass es diese Momente sind, warum wir das alles machen. Nach der völligen Erschöpfung und Müdigkeit stehen wir mit schmutzigen Klamotten, fettigen Haaren und vielen blauen Flecken am Bug und haben das breiteste Grinsen im Gesicht. Das Gefühl an einem neuen Ort anzukommen, es geschafft zu haben, den eigenen Fähigkeiten vertraut zu haben und den ersten Schritt in ein neues Land zu setzen - für uns die schönste Belohnung.
Georgetown & Botanical Garden, Cayman Islands
Zugegeben dachten wir nicht, jemals hier zu landen. Eine Insel der Reichen und Schönen, Steuerparadies und recht überschaubar. Im Supermarkt muss man aufpassen in den traumhaft gefüllten Regalen nicht falsch abzubiegen sonst kauft man schnell ein Pesto in homöopathischer Dosis für 30 Dollar. Unsere Erwartungen an die Insel waren ehrlicherweise eher gering, umso positiver wurden wir überrascht. Die Insel ist sehr sicher, gemütlich und sauber. Hühner rennen auf den Straßen von links nach rechts und auf der Einkaufsmeile laufen sich die Kreuzfahrttouristen zwischen Rolex- und Cartier-Läden die Füße platt. Wir schlendern durch den botanischen Garten, bestaunen die blauen Leguane und schnorcheln stundenlang um unsere Boote herum. Zwischen dem Riff entdecken wir anmutige Rochen und dicke Kugelfische während uns riesige Baraccudas verfolgen. Speerfischen ist auf den Caymans verboten, also beobachten wir uns gegenseitig aus sicherer Entfernung.
Weihnachtsvorbereitungen, Cayman Islands
Am ersten Advent schmunzeln wir uns in Gedanken ein Jahr zurück. Letztes Jahr um diese Zeit lag die Sir im Norden Spaniens an Land und wir haben unser zweites kleines Refit gestartet. Die Laune war damals im Keller. Dieses Jahr essen wir Panettone am Ankerplatz, schnorcheln im blauen 30 Grad warmen Wasser und stimmen uns mit selbstgebastelter Deko auf Weihnachten ein. Fast jeden Abend gibt es ein Feuerwerk von einem der Hotels am Strand, einmal sogar direkt vor unserer Haustür.
Seven Mile Beach & Stingray City, Cayman Islands
Nach knapp zwei Wochen verlassen wir unser Schnorchelparadies und legen Anfang Dezember Kurs auf unser nächstes großes Ziel: Mexiko. Claudius Eltern wollen uns dort besuchen und wir verbringen Weihnachten zusammen im Land der Burritos, Tacos und Enchiladas. Die Passage von den Cayman Islands an die Karibikküste von Mexiko ist nur rund 350 Seemeilen weit und wir sind knapp zweieinhalb Tage unterwegs.
Überfahrt nach Mexiko
Ein paar Tage zuvor haben wir vom sicheren Ankerplatz aus eine Wasserhose in westlicher Himmelsrichtung beobachtet und inständig gehofft, sowas unterwegs niemals antreffen zu müssen. Wir sind seit langem mal wieder alleine unterwegs, unsere Freunde von der Ronja bleiben noch etwas länger auf den Cayman Islands und folgen uns erst zwei Wochen später nach Mexiko. Wasserhosen bleiben uns zum Glück erspart, aber wir machen eine andere Ersterfahrung, die wir nicht unbedingt nochmal brauchen.
Wasserhose, Cayman Islands
Nachdem wir bereits die Hälfte der Strecke nach Mexiko geschafft haben, ziehen mehrmals Gewitter über uns hinweg. Die erste Zelle kommt in der Nacht und der Versuch zu lokalisieren, wo es herkommt und noch wichtiger, wo es hinzieht, gleicht einem Roulette. Das Bauchgefühl gibt den Befehl zum vorsorglichen Segeleinholen und wir schleichen mit unserem Motor durch die Ruhe vor dem Sturm. Wenige Minuten später tobt der Wind, es regnet aus Kübeln und uns fliegen Blitz und Donner um die Ohren. Wir legen vorsorglich unsere wichtigsten Kommunikationsgeräte in den Backofen (Stichwort Faradayscher Käfig) und senden Stoßgebete los. Worst case wäre ein Blitzeinschlag in unseren Mast. Wir kämpfen uns durch die schlimmsten Stunden und schaffen es unbeschadet durch das ungemütliche Wetter. Am Ende bleibt der Wind leider ganz aus und wir müssen weiter unter Motor Richtung Mexiko tuckern. Als wir das restliche Adrenalin abgebaut haben, besuchen uns bei Sonnenuntergang seit langem wieder Delfine und wir schaukeln auch nach dieser ungemütlichen Erfahrung wieder glückselig durch die Wellen. Am letzten Tag auf See fängt Claudius seinen bisher größten Fang und wir essen die nächsten Tage reichlich Thunfisch Steaks, Sushi und Fischsuppe.
puerto aventuras - mexiko
Unser Ziel ist eine kleine aber feine Marina südlich von Cancun. Claudius Eltern warten schon auf uns und wir freuen uns sehr über den Besuch aus der Heimat. Den ganzen Nachmittag lang genießen
wir Lebkuchen, Spekulatius und Weihnachtsstollen aus Deutschland. In der ersten Nacht im Hafen weckt uns früh morgens ein lautes Geräusch. Es raschelt und poltert etwas zu laut, um den Lärm zu
ignorieren, also wird nachgesehen. Im Cockpit steht ein Waschbär auf der Bank und lässt sich, nachdem er offensichtlich durch unseren Decksalon geturnt ist, unseren Bio-Lebkuchen aus Deutschland
schmecken. Wildes Geschrei aller Parteien und einen beinahe Herzinfarkt später, rennt der pelzige Besucher die Hafenmauer entlang und rein ins nächste Gebüsch.
Die folgenden Nächte verlaufen ähnlich, nur wir sind etwas besser vorbereitet. Luken und Niedergang schließen, selbst die Mückennetze drückt der kleine Kerl mit Vergnügen auf. Wir sind ratlos und
tüfteln an den wildesten Abwehrmöglichkeiten. Nach ein paar Tagen bemerken wir einen merkwürdigen Geruch um unser Boot herum und gehen auf die Suche. Der Übeltäter und mutmaßliche Grund für die
nächtlichen Besuche des Waschbärs: ein fliegender Fisch, der in unserem zusammengelegten Großsegel seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Wir reinigen die Schweinerei, versuchen (bis heute) den
Geruch loszuwerden und marinieren unser gesamtes Boot in Pfefferminzöl. Auch wenn es uns den guten Lebkuchen nicht zurückbringt, hauptsache der Waschbär bleibt uns fern.
Lebkuchen vor dem nächtlichen Besuch, gefleckter Adlerrochen und Fischadler, Ausflug nach Cozumel und Hafen von Puerto Aventuras
Die darauffolgenden Tage vergehen wie im Flug. Wir machen mit Claudius Eltern einen Bootsausflug zur Insel Cozumel und schnorcheln uns am zweitgrößten Riff der Welt entlang, immer auf der Suche nach den bunten Fischen und beeindruckenden Rochen im Sand. Bei Sonnenuntergang gibt es Abendessen vor Anker und wir genießen die Rückfahrt unter einem wundervollen Sternenhimmel. Claudius Eltern helfen uns in den folgenden Tagen ein paar wichtige Arbeiten an Bord zu erledigen, beispielsweise das Abdichten unserer Luken. Abends genießen wir das kühle Feierabendbier nach getaner Arbeit.
Blaue Cenote, Nasenbären und Mayaausgrabungen von Coba
Das mexikanische Essen lockt uns ins Hinterland und wir machen Ausflüge zu Cenoten und Mayastätten. Die Gegend ist zugegeben etwas touristisch für unseren Geschmack, aber mit dem Mietauto entfliehen wir weit genug und finden abgelegenere Orte. Die Vorweihnachtszeit wird standesgemäß mit viel Weihnachtsmusik, dem restlichen Spekulatius und hin und wieder einem Schluck Tequila gefeiert und wir genießen die gemeinsame Zeit. Der krönende Abschluss ist ein Weihnachtsessen auf der Sir mit frisch gefangenem Mahi Mahi, gesponsert von der Ronja, die wir kurz vor Weihnachten im Hafen wiedertreffen. Es ist ein etwas anderer Heiligabend als in den letzten 30 Jahren, aber außergewöhnlich, und wir verbringen ihn entspannt auf unserem schwimmenden Zuhause.
Cozumel
Zum Jahresende bleibt uns nicht viel zu sagen, als unsere Dankbarkeit für diese Reise zum Ausdruck zu bringen. Wir sind gespannt auf alles, was wir in 2026 erwarten dürfen, wie viele Hochs wir genießen können und werden versuchen aus jeder Tiefphase etwas zu lernen. Im neuen Jahr machen wir uns auf den Weg in heimische Gewässer und sind selbst gespannt, wie wir das anstellen. Erstmal weiterhin Kurs nach Norden setzen. Eine neue Brille für unseren Thron haben wir schon gekauft und Spoiler: Ein neues Dinghy ist auch schon unterwegs.
Wir hoffen ihr hattet entspannte Feiertage, wünschen euch eine besinnliche Zeit und ein frohes neues Jahr!


































































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Markus (Mittwoch, 31 Dezember 2025 22:48)
Hallo ihr Lieben,
danke, dass wir Teil eurer Reise sein durften. Rutscht gut rüber, wir sehen uns nächstes Jahr!
Marlis (Donnerstag, 01 Januar 2026 21:00)
Das letzte Bild mit euch am Bug ist einfach herrlich!! Gute Weiterreise gen Norden - mit dem Optimismus und der Freude , die ihr ausstrahlt, wird es gut gehen . Happy new year!!