#14 - Kolumbien

Curaçau nach Santa Marta

Nach 2 Wochen auf den ABC Inseln segeln wir zügig nach Kolumbien weiter. Wir haben einen Platz in der Marina von Santa Marta reserviert und wollen dort die restliche Hurricane Saison verbringen. Einziges Hindernis ist das nördliche Kap von Kolumbien, Punta Gallinas. Es gilt als das Kap Horn der Karibik, berüchtigt für den hohen Wellengang und starken Wind, der angeblich grundsätzlich über der Vorhersage liegen soll. Bei einer Windvorhersage um die 20 Knoten zurren wir an Deck nochmal alles fest und wir laufen zusammen mit unseren Buddy Booten Ronja und Kia Ora bei Sonnenaufgang aus den Spanish Waters aus (ein Boot müssen wir wegen dringender Reparaturarbeiten zurücklassen).

 

Teil 1 der Überfahrt von Curaçau bis Aruba fordert unsere Geduld. Bis wir aus dem Schutz der Insel raus sind, kämpfen wir abwechselnd mit trägen Flauten und Gewitterwolken, die um uns herum vorbei ziehen. Vor Aruba begegnen wir einem Aufklärungsschiff und unser Buddy Boat Ronja wird von der Coast Guard angefunkt. Aufregender wird es wohl nicht mehr und wir sind auf Grund der aktuellen politischen Spannungen froh, die venezolanischen Gewässer bald weit hinter uns zu lassen. Nach der geplanten Nacht vor Anker im Westen von Aruba verabschieden wir uns von den ABC Inseln und gleiten mit dutzenden Delfinen aus der Bucht heraus. Immer wieder tauchen Jungtiere neben uns auf, keine Armlänge von unserem Bug entfernt. Unser Grinsen geht über beide Ohren und wir vergessen den Schlafmangel und die üblichen Strapazen einer Überfahrt für kurze Zeit.

Teil 2 der Überfahrt führt uns am Kap vorbei an die Küste Kolumbiens. Sie ist traumhaft schön und im Hintergrund entdecken wir die Bergketten der Sierra Nevada de Santa Marta. Die Gipfel ragen über 5700 Meter über Meereshöhe und sind nur ca. 42 km vom Meer entfernt. Das höchste Küstengebirge der Welt präsentiert sich uns in seiner vollen Pracht (und Macht). Auf Grund der hohen Berge gibt es an der Küste häufig starke Fallwinde, in Kombination mit dem ansteigenden Meeresboden und starken Strömungen ein Schmankerl für uns Segler. Wir navigieren weit draußen an der 1500 Meter Tiefenlinie entlang aber die Wellen scheinen es zielsicher auf uns abgesehen zu haben. Wir schaukeln zwei Tage fleißig umher, die Böen siedeln sich deutlich über der Vorhersage in den Mittdreißigern an und unser Boot surft die Wellen entlang. Das Großsegel lassen wir schön eingepackt und arbeiten uns mit der gerefften Genua in Taschentuchgröße durch die böigen Winde von Achtern. Nachts spritzen uns die Wellen durch die geöffneten Luken ins Gesicht. Im Cockpit landen mehr fliegende Fische als uns lieb ist und wir sind beschäftigt die Dinger immer wieder über Bord zu werfen bevor sie das Stinken anfangen (oder noch schlimmer, den Weg durch die Luken finden). Wir hatten schon entspanntere Überfahrten, aber wir genießen den Wind um die Nase und sind zügig unterwegs.

Überfahrt ABC Inseln nach Santa Marta, Kolumbien

Unsere Dreier Flottille übersteht den Törn ohne größere Schäden und nach insgesamt drei Tagen erreichen wir die Marina von Santa Marta im Norden Kolumbiens.

Santa Marta - Das erste Mal Festland seit Januar

Santa Marta hat alles was unsere Herzen aktuell begehren. Ein kleines Städtchen, ein bisschen was los, günstige Preise, vernünftige Supermärkte, eine moderne Marina. Außerdem dürfen wir Pool und Fitnessraum des angrenzenden Hotels benutzen. Da sitzen wir nun mit Sonnenbrille auf der Nase und dem Cocktail in der Hand. Zumindest die ersten Tage genießen wir die Vorzüge kein Dinghy zu brauchen, feiern erst Claudius und danach Irenes Geburtstag und erholen uns von der ruppigen Überfahrt von Curaçau nach Santa Marta. 

Marina Santa Marta, Kolumbien

Aus Macht der Gewohnheit widmen wir uns erstmal unserem Boot. Aktuelles Großprojekt ist das Cover für unser Großsegel. Es fällt auseinander und reparieren erscheint uns nur mäßig attraktiv. Wir entscheiden uns in einem Moment des Übermutes selbst einen Sail Pack zu nähen (wie schwer kann das schon sein?). 

Außerdem kommt uns in den Kojen die Verkleidung der Decken entgegen, der Kleber mag die feucht warme Luft wohl noch weniger als wir. Leinen müssen getauscht werden und im Bad muss neu verfugt werden. Der Wassertank ist undicht und die neue Motorraumlüftung installiert sich auch nicht von alleine. Wir laufen für alles, was wir hier besorgen können, kreuz und quer durch die Stadt. Abends zerbrechen wir uns über diversen Onlinebestellungen die Köpfe, um keine Zollgebühren bezahlen zu müssen. Alles was wir nicht im Inland bekommen aber dringend brauchen, bestellen wir im Ausland.

Santa Marta

Kurz nach unserer Ankunft im Hafen hält uns die Marina bei Laune. Auf dem Hafengelände wird tagelang ein Zelt aufgebaut und mit prunkvollen Kronleuchtern bis ins letzte Eck ausgestattet. Ein riesiges funkelndes Märchenschloss in Zeltform nimmt Größe an und es wird bis spät in die Nacht geschuftet, geschraubt und gebohrt. Klimaanlagen rattern und ein Dienstleister nach dem anderen huscht über das Gelände. Am Tag der Party läuft die Dame aus dem Marina Office mit Klemmbrett unterm Arm von Steg zu Steg. Sie fragt uns kleinlaut und schüchtern, ob wir für eine Nacht ins Hotel gehen wollen. Es folgt eine lange und breite Entschuldigung für die Umstände, aber die Hochzeitsgesellschaft feiert locker bis 5 Uhr morgens und die Hotelkosten werden übernommen. Macht sie Scherze? Noch bevor sie uns sagen kann welches Hotel es ist, haben wir uns die Zahnbürsten geschnappt und stehen mit erwartungsvollen Augen vor ihr. Welche Prominenz da Hochzeit feiern will ist uns von jetzt auf gleich völlig egal. Eine gratis Nacht in einem klimatisierten Hotelzimmer mit sauberer Bettwäsche, Minibar und Flatscreen. Unsere Definition von Luxus hat sich in den letzten 12 Monaten sehr vereinfacht. Das Hotel ist für eine Nacht voll mit Seglern aus der Marina und wir genießen „die entstandenen Umstände“.

Als das Zelt nach der großen Sause verschwunden ist, wird kurze Zeit später das nächste Gebilde errichtet. Diesmal gibt es Kuhställe zu bestaunen. Ein Mix aus Charity Event und Kuhversteigerung zwischen all den edlen Segel- und Motorbooten? Die Kolumbianer amüsieren uns. Tagsüber fahren die Laster mit Kühen vor, die berittene Polizei baut einen Werbestand zur Rekrutierung auf und gegen Abend trudeln die geladenen Gäste komplett in weiß gekleidet auf das Gelände. Die Veranstaltung beginnt mit der kolumbianischen Hymne und alles steht Spalier. Dazwischen versuchen wir möglichst wenig aufzufallen und werfen einen Blick auf die Objekte der Begierde. Am Abend der Kuh-Gala dürfen wir zuschauen und einigen uns im Kollektiv maximal eine Kuh zu ersteigern, falls sie weniger als 200 Dollar kostet. Mit Sombrero auf dem Kopf und Tequila in der Hand bieten die betuchten Gäste um die Wette. Während wir bei Kaltgetränken noch jonglieren, in welchem Cockpit die Kuh dann einziehen darf, wechseln die Prachtexemplare glücklicherweise für umgerechnet mehrere Tausend Euro den Besitzer. Wir bekommen für die Umstände ein Abendessen von der Marina spendiert und amüsieren uns zwischendrin prächtig. Wenn es nach uns geht, können gerne weitere „Umstände“ entstehen.

Marina Santa Marta, Kolumbien

Das große Schwitzen

Zugegebenermaßen haben wir die Hitze an der Küste Kolumbiens etwas unterschätzt. Bis 9 Uhr morgens und ab 16 Uhr nachmittags ist Existieren möglich. Wer es wagt sich dazwischen zu bewegen wird nach 20 Sekunden mit einem Schweißausbruch belohnt. Wir wechseln zwischen klimatisiertem Captains Room, Pool und kalter Dusche. Unsere Stoßgebete werden hin und wieder erhört und wir erhalten manchmal bewölkte Tage. Zwischendurch öffnet der Himmel seine Pforten und Gewitter rauschen mit heftigem Starkregen über uns hinweg. Temperaturtechnisch zwar angenehm aber teilweise eher unpraktisch. Die Straßen sind regelmäßig überflutet, das Kanalsystem der Stadt verwandelt sich mancherorts in einen Springbrunnen und Besorgungen macht man dann auch nicht so gerne.

Santa Marta

Minca

Wir flüchten zwischen den Arbeiten am Boot in die Berge von Minca. Mitten im Dschungel teilen wir uns drei Nächte mit allem was kreucht und fleucht ein Baumhaus und genießen kühlere Nächte. Währenddessen entsteht der Plan für den Oktober. Bootspause. Wir wollen das Land erkunden, Vulkane erklimmen und auf den Spuren von Pablo Escobar die Geschichte dieser Nation verstehen.

Minca

Bevor wir in unsere Bootspause starten müssen wir unsere letzten To Do's erledigen. Sventja lässt die Nähmaschine heiß laufen und schafft es rechtzeitig den Sail Pack zu finalisieren. 10 Meter Stoff hat sich nach 1,5 Wochen in einen vernünftigen Sail Pack verwandelt. Das Nähen war etwas aufwendiger als gedacht aber die Recherche vorab, die Planung und das Besorgen des Materials war der anstrengendste Teil. Etwas ungläubig aber voller Stolz installieren wir das Konstrukt am Baum und staunen nicht schlecht, als es am Ende tatsächlich passt. Am Abend vor Abflug nach Bogota klebt Claudius die letzten Decken-Verkleidungen neu und wir sind endgültig bereit für Urlaub.

Marina Santa Marta, Kolumbien

Folglich haben wir im Oktober weniger Boots- und Segelgeschichten zu erzählen. Wen es interessiert, der darf gerne weiterlesen und findet einen kurzen Abriss unserer 4 wöchigen Reise durch Kolumbien :)


Roadtrip

Bogota

Bogotá: Plaza de Bolívar, Botero Museum, La Candelaria

Wir suchen unsere Jacken und warme Sachen aus dem letzten Eck im Boot zusammen und reisen für eine Woche nach Bogota. Die Stadt liegt auf 2600 Meter Meereshöhe und wir könnten uns temperaturtechnisch nicht wohler fühlen. Bei 15 bis 20 Grad bummeln wir über Secondhand Märkte, radeln am Autofreien Sonntag durch die Straßen und trinken abends Glühwein auf dem Plaza de Bolivar. Wir entdecken das typische Street Food Kolumbiens und üben beim Verhandeln mit den Straßenhändlern unser Spanisch. Der Übergang zwischen Museen, Galerien und Cafés ist fließend und die Tage vergehen viel zu schnell.

Tatacoa Desierto

Tatacoa Desierto

Der Mietwagen bringt uns über Stock und Stein in die faszinierende Tatacoa Wüste. Eingekesselt zwischen den zwei Gebirgszügen der Zentral- und Ostkordillere regnet es dort sehr selten und die Erde hat eine erstaunliche Form angenommen. Unsere Unterkunft ist ein Baumhaus und bringt uns nach den Tagen in der Stadt recht schnell zurück in die Natur. Nachts streifen Kuhherden um unsere Hütte herum und tagsüber beobachten wir die Vogelwelt. Nach 2 Nächten haben wir uns zwar an die Ameisenstrasse quer durch unsere Dusche gewöhnt, wollen aber weiter in die kühleren Berge. 

Tatacoa Desierto, Rio Magdalena, Straße nach San Augustín

Wir verlassen den Touristen Highway und bummeln weiter in den Süden. Vor einer der vielen Mautstationen will uns die Polizei anhalten aber das Gefuchtel ist zugegeben etwas missverständlich und wir fahren einfach weiter. Keine besonders schlaue Idee, kurze Zeit später werden wir von einem mies gelaunten Polizisten auf dem Motorrad verfolgt und angehalten. Uns schallt ein wütendes Spanisch durch das geöffnete Fenster und eine Strafe sollen wir auch zahlen. Cuarenta US Dollars!! Was wir falsch gemacht haben? Wir trauen uns nicht zu fragen, aber versprechen ihm nie wieder einen kolumbianischen Polizisten zu ignorieren (sofern er eindeutig winken kann). Wir entschuldigen uns pauschal auf Spanisch für alles Mögliche während er unsere Ausweise kontrolliert. Aha, touristas de Alemania. Auf eimal freut er sich, dass wir von so weit her zu Besuch kommen und wir dürfen ohne weiteres von dannen ziehen.

 

Mittlerweile gewöhnen wir uns auch an den Fahrstil der Kolumbianer: Wer am charmantesten drängelt hat Vorfahrt, keine hektischen Manöver, ein bisschen hupen und immer freundlich winken. Die Straßen sind zwischen den Großstädten recht gut ausgebaut und meist säumen herrliche Alleen unsere Route. Sobald wir einmal abbiegen, sammeln wir Schlaglöcher und schlängeln uns um enge Kurven den Berg hoch.

San Augustin

San Augustín

Im Departamento Huila wandern wir am Oberlauf des Rio Magdalena zu antiken Ausgrabungen und träumen uns in die San Augustin Kultur hinein. Heilige Stätten mitten im Dschungel mit magischem Ausblick auf den Fluss, der sich endlos durchs Land schlängelt und einer der wichtigsten Flüsse Kolumbiens ist. Zwischendurch gibt’s Kaffee in allen Varianten. Schwarzes Filtergebräu, das Tote aufweckt, Cappuccino mit perfektem Milchschaum oder Cold Brew Latte für die warmen Tage. Für den kleinen Hunger finden wir an jeder Ecke Arepas, Fladen aus Mais meist mit Käse gefüllt. Es folgen endlose Spaziergänge durch Kaffeeplantagen und an Bananenstauden vorbei. Immer im Gefolge sind unsere vierbeinigen Begleiter, die sich uns kurzerhand anschließen. Sventja würde jeden einzelnen gerne mitnehmen aber Claudius referiert überzeugend dagegen und man einigt sich vorerst, keinen mitzunehmen. Mal gehören sie zu unseren Gastgebern, mal sind es Streuner, die wir uns unterwegs anlachen. Sobald wir freundlich zu ihnen sind, erklären sie uns für einen Teil ihres Rudels und folgen uns stundenlang, egal wohin.

Parque nacional natural de puracé & popayán

Parque Nacional Natural de Puracé & Popayán

Von San Augustin fahren wir endlos auf ungeteerten Straßen durch den Puracé Nationalpark. Die tiefen Wälder leuchten unheimlich grün und je höher wir fahren, desto kühler bläst uns der angenehme Wind durch das offene Fenster. Kurz vor unserem Ziel erhaschen wir den ersten Blick auf den aktiven Vulkan Puracé. Wir übernachten in der Studentenstadt Popayán in einem alten Kloster und schlendern durch die weißen Gassen der Altstadt. Es gibt die berühmten Empanadas mit Erdnusssoße zu essen und zwischendurch die klassischen Buenuelos, ein frittierter Hefeteig. Generell wird in Kolumbiens Küche viel frittiert und von einem Gericht ohne Fleisch kann man nach Ansicht der Einheimischen unmöglich satt werden. Wir versuchen hin und wieder unser Glück etwas ohne Fleisch zu bestellen und nachdem wir mit großen Augen angeschaut werden, bekommen wir zwei Kilo Kartoffeln zum Abendessen vorgesetzt (damit wir auch sicher satt werden). 

Wanderung zum Vulkan Puracé & stillgelegte Sulphur Mine

Tagsüber erklimmen wir mit einem indigenen Touristenführer den Vulkan - unser Highlight. Bis zum Kraterrand dürfen wir auf Grund der hohen seismischen Aktivität aktuell nicht aber schon an seinem Fuße auf 4000m fühlt es sich magisch an, der brodelnden Mutter Natur so nah zu sein. Unser Guide erklärt uns zudem viel über die Kultur, die stillgelegte Sulfur Mine und die Bedeutung der Natur für die Region. Sventjas Spanischunterricht aus der Schule zahlt sich endlich aus, Englisch hat während unserer Reise durch Kolumbien noch kein Mensch mit uns gesprochen. Wir staunen über die austretenden Gase und bekommen Gänsehaut allein bei der Vorstellung der Kräfte, wenn der Gute mal ausbrechen sollte. Inzwischen befinden wir uns ca. bei 1 Grad Nord, irgendwo zwischen 1500 und 4000 Höhenmetern. Die Vegetation ist beeindruckend vielfältig. An den Hängen des Vulkans ernten die Indigenen Völker meist Kartoffeln und anderes Gemüse. Wir lernen die Andenbrombeere kennen und staunen über die Frailejones, eine wasserspeichernde Pflanze, die für das Ökosystem unheimlich wichtig ist und vorwiegend an den Hängen des Vulkans wächst.

Silvia

Silvia

Wir wärmen uns in 37 Grad warmen Thermalbädern, aufgeheizt durch den Vulkan, bevor wir uns die Serpentinen nach Silvia vorknöpfen. Für eine 100km Fahrt sagt das Navi gerne 3-4 Stunden Fahrzeit voraus. Nach der dritten Kurve verstehen wir warum, der geteerte Teil hört leider auf und wir wackeln uns mit 15 km/h den Berg hoch, im Slalom um die dicksten Schlaglöcher. Silvia ist ein Bergdorf im Departamento de Cauca und Heimat der indigenen Misak Bevölkerung, die bekannt ist für ihre traditionellen Märkte. Unser nächstes kleines Highlight. Wir wandern an den Berghängen auf und ab, erkunden um die Wette die sonderbarsten Vögel und genießen Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad. Auf dem Markt entdecken wir frisches Obst und Gemüse, außerdem alles was man braucht und nicht braucht. Wir kaufen jedes Mal mindestens eine Sache, die wir noch nicht kennen. Andenbrombeeren, Baumtomaten oder die berühmte Lulu. Schmeckt gut aber häufig recht sauer. Mittlerweile verstehen wir, warum vor allem in den lokalen Säften immer so viel Zucker reingekippt wird.

Salento & jardín

Wachspalmen im Cocora Valley in Salento & Ausblick auf Jardín

Wir lassen die traumhaften Nationalparks im Süden hinter uns und fahren an zahlreichen Straßenkontrollen des Militärs vorbei bis wir nördlich im Kaffeedreieck ankommen. Sobald wir einen Polizisten oder eine Straßenkontrolle sehen, fahren wir höchstens Schrittgeschwindigkeit und winken freundlich. Ein bisschen affig kommen wir uns vor und wir ernten mehr als einmal sonderbare Blicke, aber wir halten unser Versprechen nie wieder einen Polizisten zu ignorieren. Das Kaffeedreieck ist auch schön aber für unseren Geschmack relativ touristisch. Erster Hinweis auf die Nähe der Zivilisation: Es gibt wieder vegetarische Gerichte auf der Karte. In Salento verstecken wir uns vor dem Instagram Tourismus und stiefeln im Stechschritt kilometerweit weit den Berg hoch. Die Wachspalmen säumen die Hänge und oben angekommen beobachten wir in aller Seelenruhe die Kolibris in unterschiedlichsten Farben. In Jardín schauen wir den Andenfelsenhähnen beim Balztanz zu und lassen uns mit dem TukTuk den Berg hoch fahren. 

Medellín

Medellín: Downtown, El Poblado, Laureles

Die letzten 100 Kilometer schlängeln wir uns am Rio Cauca zu unserem letzten Ziel. Nach knapp 2,5 Wochen Roadtrip kommen wir erholt und voller Eindrücke in Medellín an. 

Die Stadt hat eine besondere Geschichte, da der bewaffnete Konflikt zwischen 1989 und den 2000er Jahren hier besonders ausgeprägt war. Wir besuchen das Memorial Museum und erfahren, wie die Einwohner mit ihrem Schicksal umgehen. Anschließend fahren wir mit der Seilbahn über die ärmsten Stadtviertel hinweg und sind gleichzeitig erstaunt, wie gut sich die Stadt in den letzten Jahren entwickelt hat. Es gibt zwar Stadtviertel, da traut sich die Polizei heute noch nicht rein, aber im Zentrum und den touristischen Zonen pulsiert das Leben. In Downtown finden wir eine gesprengte Figur des Künstlers Botero, die an einen Anschlag in den 90er Jahren erinnert. Direkt daneben das alltägliche Leben, es wimmelt von Straßenhändlern und man spürt den kolumbianischen Optimismus an jeder Ecke. Die Kolumbianer sind stolz auf ihre Herkunft und es gibt in diesem Mehrparteien Konflikt keine Schwarz-Weiß Erklärung.

Am Sonntag bestaunen wir die Fans der beiden Clubs aus Medellín, Atlético Nacional und Deportivo Independiente, denn es findet el Clásico Paisa statt. Das hochemotionale Duell der beiden Vereine. Wir flanieren durch die Fanmeile und mischen uns unters Volk. Feiern können die Kolumbianer und die gesamte Straße leuchtet schon am Nachmittag in grün/weiß, die Farben von Atlético. Als die ersten Bengalos und Raketen gezündet werden, ziehen wir uns zurück und schauen das Spiel abends in sicherer Entfernung in einer der Sportsbars an.

Zum krönenden Abschluss unserer Reise schauen wir uns die Stadt entspannt mit dem Gleitschirm von oben an. Wir segeln diesmal in der Luft, zusammen mit den Geiern in der Thermik über der Stadt. Die Thermik ist gut und normalerweise startet und landet man am gleichen Platz oberhalb der Stadt. Während Sventjas Pilot gegen Ende des Fluges immer höher aufsteigt, dreht Claudius mit seinem Piloten immer engere Kreise und segelt nach unten. Leider spricht sein Pilot nur Spanisch und kann ihm nicht wirklich sagen, was er vor hat. Sie schaffen es nicht wieder aufzusteigen und in einem herausfordernden Flug für den Magen wird Claudius in Unwissenheit über die Planänderung auf einem Landeplatz in der Stadt abgesetzt. Er muss eine Stunde mit dem Taxi zurück zum Ausgangspunkt fahren und Sventja freut sich, den Kurzzeit-Entführten wohlbehalten zurückzubekommen. Am Ende unserer Reise treffen wir uns in Medellín wieder mit unseren Freunden Anna, Irene, Wolfgang und Martijn und verbringen die letzten Abende gemeinsam, bevor wir den Rückflug nach Santa Marta antreten.


Fazit: Bootspausen sind wichtig. Das wissen wir seit geraumer Zeit aber im Alltag an Bord vergisst man das schnell. Kolumbien gefällt uns ziemlich gut und unser Zwischenstopp hat sich für uns sehr gelohnt. Das Land hat unheimlich viel Natur zu bieten, die Menschen sind freundlich und wir haben uns zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Im Gegenteil. Der Optimismus der Leute gefällt uns und vieles läuft entspannt und stressfrei. 

Wir freuen uns ungemein als wir zurück im Hafen ankommen und unser Boot wohlbehalten antreffen. Während unserer Abwesenheit ist Hurricane Melissa durch das karibische Becken gezogen und in Santa Marta hat es unheimlich viel geregnet. Unserer Sir war das wohl alles egal. Sicher vertaut und ohne Schäden eiert sie im Schwell der Marina und wartet auf uns.

Unsere letzte Etappe nach Kolumbien war auch die letzte in unserer Flottille zu dritt. Unsere Pläne gehen in verschiedene Himmelsrichtungen und wir müssen ohne unsere Holländer von der Kia Ora weiter segeln. Wir verbringen die letzten Abende gemeinsam in unserer dreier Flottille, feiern Halloween und machen uns ein letztes Mal über die Stereotypen unserer Heimatländer lustig. Die Segler Community ist unheimlich freundlich und wir treffen immer wieder auf nette Gleichgesinnte, aber zugegeben treffen wir nicht so oft gleichaltrige Segler. Umso mehr haben wir die letzten Wochen und Monate zusammen genossen und freuen uns, neben Anna und Wolfgang auch mit Irene und Martijn viel Zeit verbracht zu haben. Die beiden treffen Familie in Costa Rica während wir in Santa Marta das nächste Wetterfenster zum Aufbrechen nutzen wollen. Der Abschied fällt uns schwer aber zeigt uns auch, wie schön es ist, die Höhen und Tiefen des Bootslebens mit anderen zu teilen.

Nach so vielen Wochen in der Marina ist unsere Motivation wieder in See zu stechen gewachsen, ähnlich wie der Algengarten an unserem Rumpf. Wir lassen unser Unterwasserschiff von den lokalen Boat-Boys schrubben, während wir an Deck und im Boot das Nötigste vor der Weiterfahrt erledigen. Die offizielle Hurricane Season neigt sich dem Ende zu und wir jonglieren neue Ziele auf den Seekarten, während wir uns in Gedanken an die kühlen Berghänge der Andenkordillere zurückdenken. Das erste Mal seit unserer Abreise in Deutschland sind wir theoretisch in der Hauptsaison unterwegs, Premiere sozusagen. So ganz steht unsere Route noch nicht, aber wir einigen uns auf die Himmelsrichtung: Norden.

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Kommentare: 1
  • #1

    Markus (Samstag, 15 November 2025 20:32)

    Und wieder sind wir begeistert von euren mitreißenden Erzählungen! Sehr anschaulich und unterhaltsam. Die Bilder machen Lust auch da hin zu fahren �. Jedenfalls weiß ich jetzt an wen ich mich wenden muss, wenn mein Lazybag kaputt ist. Wir freuen uns darauf den Advent und Weihnachten mit euch zu verbringen!